Als er klein war, musste Olaf Scholz eine Brille mit dicken Gläsern tragen. Ein Brillenglas wurde mit Heftpflaster verklebt, um das schwächere Auge zu trainieren. "Schöner machte mich das nicht", sagt Scholz.

Vor einem Jahr wurde der 42-jährige Bundestagsabgeordnete zum Vorsitzenden der einst notorisch gespaltenen Hamburger SPD gewählt. Mit seiner Kurzsichtigkeit ist er umgegangen wie mit manchem politischen Problem von heute: Er hat sie nicht akzeptiert. Die Sehschwäche kapitulierte. Seit er 20 ist, braucht Scholz keine Brille mehr. Geblieben ist ihm eine Art superkonzentrierter Laserblick, den er stets aufsetzt, wenn es gilt, in größerer Runde die politische Linie auszugeben. Das liegt ihm. Statt die Hamburger Sozialdemokraten, wie es seine Vorgänger taten, über Proporz zu integrieren, setzte Scholz auf die Strategie "Alle mir nach!". Bisher ist der Parteichef damit erfolgreich.

Jetzt tritt er an die Stelle des seit Jahren umstrittenen Innensenators Hartmuth Wrocklage, der sein Amt Anfang der Woche niedergelegt hat. Wrocklage musste aufgeben, nachdem Filzvorwürfe gegen ihn überhand genommen hatten. Die Innenpolitik einer Metropole wie Hamburg beherbergt eine ganze Republik von Problemen: von der offenen Drogenszene am Hauptbahnhof über verwahrloste Wohnquartiere mit Tendenz zur Ghettobildung bis zu ungünstigen Trends in der Kriminalitätsentwicklung. Stets, und nicht immer zu Unrecht, ist die allzu nachgiebige SPD-Politik in der Stadt für das schwindende Sicherheitsgefühl vieler Bürger verantwortlich gemacht worden.

Olaf Scholz stellt nun klar, wie er dem abzuhelfen gedenkt: Ein Innensenator solle liberal sein, aber nicht doof, sagt er. Eine Beißhemmung gegenüber Kriminellen habe er nicht. Bei der Bekämpfung der Organisierten Kriminalität oder der Aufklärung spektakulärer Gewaltverbrechen arbeite die Polizei vorbildlich. Es gebe aber Defizite: etwa bei den vielen Raubdelikten, dem so genannten Abziehen unter Jugendlichen, das künftig (anders als bisher üblich) in jedem Einzelfall verfolgt würde. Auch sei es ganz unerträglich, sagt Scholz, dass Festgenommene aus der Drogenszene bereits nach zwei Stunden wieder am Bahnhof auftauchten. Eine Änderung des Hamburger Polizeigesetzes soll dies in Zukunft erschweren.

Die SPD lässt Widerstand gegen den mit großer, flügelübergreifender Mehrheit gewählten Vorsitzenden und neuen starken Mann in der Regierung einstweilen nicht erkennen - auch wenn einige vorsichtige Genossen es wegen der aktuellen Filzdebatte problematisch finden, dass Scholz sein Parteiamt behalten will.

Doch das ficht ihn nicht an: Der Bundeskanzler sei schließlich auch SPD-Vorsitzender. Und eines von Wrocklages zentralen Problemen sei es gewesen, in der Partei keine Hausmacht besessen zu haben.

Von den Politikern seiner Generation unterscheidet ihn vor allem der Gestus der Entschlossenheit, Entschiedenheit und Unbeirrbarkeit: Wischiwaschi-Verbindlichkeit ist ihm fremd. Zwar sagt Scholz, er verachte Menschen, die, zumal im politischen Geschäft, keine Kompromisse machen könnten. Doch er selbst ist der personifizierte Antikompromiss. Gegen ihn soll erst einmal jemand ankommen. Der Rechtsanwalt, der seit vierzehn Jahren eine erfolgreiche Kanzlei für Arbeits- und Wirtschaftsrecht führt, ist sich ziemlich sicher, dass ihm in jeder Auseinandersetzung die besseren Argumente einfallen werden. Da lässt es sich leicht Anhänger der Habermasschen Diskurstheorie sein.