Selbstbewusstsein hat Pascal Couchepin mehr als genug. Der Schweizer Wirtschaftsminister schert sich nicht um Anfeindungen aus den europäischen Hauptstädten. Selbst den Vorwurf, sein Land begünstige die Steuerhinterziehung, pariert Couchepin souverän. "Überall ist die Europäische Union für den Wettbewerb zu haben, nur bei den Steuern nicht", lästerte der Minister in einem Interview mit dem Schweizer Magazin L'Hebdo.

Aussagen wie diese treiben die meisten EU-Finanzminister zur Weißglut. Denn die Weigerung der Regierung in Bern, das Bankgeheimnis zu lockern, gefährdet einen Beschluss des EU-Gipfels von Feira. Tagelang hatten sich Regierungschefs und Finanzminister im vergangenen Juni in der portugiesischen Stadt gestritten, wie die Steuerflucht aus den EU-Ländern erschwert werden könne. Beinahe wäre keine Einigung zustande gekommen, doch in letzter Minute verpflichteten sich auch Österreich und Luxemburg zum Mitmachen - allerdings nur unter einer Bedingung: Auch Steueroasen, die nicht zur EU gehören, sollten sich beteiligen, besonders Liechtenstein, Monaco und die Schweiz.

Die Eidgenossen könnten jetzt die hart erkämpfte Einigung der EU-Länder zum Einstürzen bringen. Denn ihr Nationalheiligtum Bankgeheimnis, das sogar in der Verfassung garantiert ist, wollen die Schweizer unbedingt erhalten. "Wir verhandeln über steuerliche Lösungen, nicht aber über das Bankgeheimnis", sagt Robert Waldburger, Chef der Abteilung Internationales Steuerrecht bei der Eidgenössischen Steuerverwaltung. Waldburger leitet für die Schweizer Regierung die Verhandlungen mit der EU. Sein Angebot: die Einführung einer Quellensteuer auf Kapitalerträge von EU-Bürgern. Bisher zahlen nur Schweizer diese Steuer - in der Regel 35 Prozent - auf Zinsen und Dividenden, Ausländern wird sie zurückerstattet. Würden die Eidgenossen in Zukunft auch EU-Bürger zur Kasse bitten, sänke der Anreiz, Geld in der Schweiz anzulegen - allerdings nicht so stark wie mit der Abschaffung des Bankgeheimnisses.

Deutschland, größter Verlierer?

Mit dem Schweizer Angebot ist Luxemburgs Premierminister Jean-Claude Juncker jedoch unzufrieden. Er will das Bankgeheimnis im eigenen Land nicht aufgeben, solange die Schweizer noch daran festhalten. Denn eine Quellensteuer für Ausländer ist laut Feira-Beschluss auch innerhalb der EU nur als Übergangslösung gedacht. Spätestens vom Jahr 2010 an soll sie durch so genannte Kontrollmitteilungen ersetzt werden: Die Banken unterrichten dann die Steuerbehörden im Heimatland ihrer Kunden über das Vermögen auf den Konten. Durch diesen gegenseitigen Informationsaustausch könnte kein Bürger mehr sein Geld in einem anderen EU-Land vor dem heimischen Fiskus verstecken.

Doch an diesem System will sich die Schweiz unter Hinweis auf das Bankgeheimnis nicht beteiligen.

Der Streit um Quellensteuer oder Kontrollmitteilung ist für die Schweiz und Luxemburg von großer Bedeutung: Es geht um das Privatkundengeschäft ihrer Banken. In beiden Ländern bezahlen Ausländer bisher keine Steuern auf Kapitalerträge. In Deutschland und den meisten übrigen EU-Ländern unterlägen die Zinsen und Dividenden der persönlichen Einkommensteuer. Die Schweiz und Luxemburg sind deshalb besonders beliebte Ziele für betuchte EU-Bürger, die ihr Geld dem Zugriff der Finanzbeamten entziehen wollen. Das Geschäft der Banken mit dem Schwarzgeld funktioniert aber nur so lange, wie die Kontoinhaber sicher sein können, dass ihr Finanzamt nichts von dem Geld erfährt.