Die Green-Card-Idee vor einem Jahr war ein genialer Schachzug des Kanzlers. Sie zerstörte im Nu die sorgsam gehegte Lebenslüge, die Deutschen seien ohne fremde Hilfe für die Zukunft gewappnet. Und sie öffnete die Augen dafür, dass sich Migrationspolitik nicht allein am Elend dieser Welt, sondern ebenso an wirtschaftlichen Bedürfnissen ausrichten muss. Rechte wie Linke haben eingesehen: Gut ausgebildete Einwanderer dienen dem nationalen Interesse. Sie kurbeln die Wirtschaft an und tragen damit bei zur sozialen Stabilität.

Doch die große Umarmung zwischen Regierung und Opposition in der Einwanderungspolitik scheint einen sehr hohen Preis zu fordern: das Asylrecht. Die Union will es weiter einschränken, die Verfahren drastisch beschleunigen und die Zahl der Asylbewerber, wie es seinerzeit der christdemokratische Innenminister Manfred Kanther zum Ziel erklärt hatte, möglichst auf null herunterdrücken. Die SPD ist bereit, diesem Wunsch bis zur Selbstaufgabe entgegenzukommen. Denn sie fürchtet nichts mehr, als dass die Christdemokraten mit dem Thema Ausländer den nächsten Bundestagswahlkampf bestreiten werden. Tief sitzt die Hessenangst, auch bei den Grünen, die offenkundig alle Courage verlassen hat. Es war einmal eine widerborstige Partei des Humanismus und der Bürgerrechte - doch heute hat das Asylrecht, vor 52 Jahren aus gutem Grund in den Verfassungsrang erhoben, kaum noch Fürsprecher.

Selbstverständlich lässt sich kein Migrationspaket schnüren, ohne auch über das Asyl zu reden. Denn in der Vergangenheit haben viele Menschen bloß deshalb einen Asylantrag gestellt, weil sich nur so für sie die Tür nach Deutschland öffnete. Sie suchten keinen Schutz vor politischer Verfolgung, sondern Arbeit und eine sichere Zukunft. Das neue Einwanderungsgesetz wird deshalb mehrere Eingangstüren zimmern und zugleich verlangen, sich für eine von ihnen zu entscheiden. Innenminister Schily hat deshalb mit seiner Forderung Recht (ZEIT Nr. 22/01): "Wer künftig Asyl beantragt, soll wissen, dass er damit seine Chance auf eine Einwanderung aus wirtschaftlichen Gründen vertan hat."

Das kann man machen. Doch darüber hinaus gibt es keinen legitimen Grund, das Recht auf Asyl weiter zu schwächen. Deutschland ist längst nicht mehr Europas größte Herberge. Im vergangenen Jahr kamen nur knapp 80 000 Asylbewerber - 20 000 weniger als 1999 und 400 000 weniger als noch vor neun Jahren. Zudem: Nicht nur die Arbeitsmigranten, auch jene Menschen, die hierzulande Schutz vor politischer Verfolgung gefunden haben, arbeiten und tragen zum Wohlstand aller bei. Was also läge angesichts dieser Fakten näher als etwas mehr Großzügigkeit bei der Asylgewährung: zum Beispiel gegenüber Frauen, die in ihrer Heimat zur Verschleierung gezwungen werden, gegenüber Menschen, die nicht vom Staat, sondern von marodierenden Banden oder Gotteskriegern verfolgt wurden.

In diesen Tagen feiert die Menschenrechtsorganisation amnesty international ihren 40. Geburtstag. Schon deshalb sollten Regierung und Opposition im Lichte des neuen Einwanderungsgesetzes gemeinsam demonstrieren: Wir nehmen nicht nur die Menschen auf, die wir brauchen, sondern auch jene, die uns brauchen.