Folgen Sie meinem Rat und sehen Sie von der Aufführung ab!", schrieb der Komponist am 27. Februar 1910 dem Veranstalter. Sieben Monate Vorbereitungszeit seien zu knapp. Aber der Adressat gehorchte nicht, Gustav Mahler hatte ein Einsehen und leitete wie geplant die Münchner Uraufführung seiner achten Symphonie, zwei Riesensätze mit vier Chören, acht Solisten und Riesenorchester. Heute genügen für dieses wahrhaft kosmische Unterfangen, in dem nach dem pfingstlichen creator spiritus auch die finale Szene von Goethes Faust II zu Tönen findet, vier Tage Aufnahmezeit und nicht ganz so viele Proben. Oder sie genügen eben nicht, wie jetzt ausgerechnet das Concertgebouw Orkest unter Riccardo Chailly (Decca 467 314-2) hören lässt.

Das Veni, creator spiritus ist hier kein Allegro impetuoso, nicht stürmend und drängend bis zu hysterischer Zuspitzung, sondern ein Maestoso, breit, protzig, hallreich, Partiturdetails unterschlagend. Das fördert genau jenen erdrückenden Monumentalcharakter, den man dieser Sinfonie nach zwei Weltkriegen vorwarf, bis vor allem Bernstein das Sensible und Zerrissene darin entdeckte. Auch den zweiten Satz sollte man tunlichst nicht mit der Partitur vor Augen hören, denn die meisten Gesangssolisten haben sie nur flüchtig studiert. Tenor Ben Heppner wüsste sonst, dass er vor seinem Fortissimo laut Mahler "unter keinen Umständen auffallen", sondern nur begleiten soll. Und Sopranistin Jane Eaglen sänge "mit verhaltenem Ausdruck" statt mit unverhohlener Angriffslust. Bassist Jan-Hendrik Rootering bietet fehlerhaften Text in haltloser Intonation. Mahlers große, transparente, transzendente Szenerie wird ein Schlachtfest der Stimmen, bei dem es Wurscht ist, wenn auch das Orchester jedes Piano zum Mezzoforte macht. Gerade diese Musiker könnten es doch viel besser, zum Beispiel im instrumentalen Beginn dieses Satzes. Ruhend, leuchtend von Emphase, mit unteridischer Spannung entfalten die Amsterdamer eine metaphysische und zugleich reale, nebelfeuchte Landschaft. Und die Chöre halten dieses Niveau von der Waldung bis zum Schluss. Ihr Chorus mysticus ist ein Ereignis. Zumal beim Goethewort "Ereignis" selbst: So hauchfein und sauber und ergreifend wird vom einen unfassbaren Akkord in den anderen geschritten, dass es dafür nur eine Erklärung gibt: Die Chöre nahmen sich genügend Zeit zum Proben. Das sollte jeder tun, der 20 lieferbaren Aufnahmen eine weitere hinzufügen will.