Eigentlich könnte Gerhard Schröder zufrieden sein. Rentenreform: erledigt. Steuerreform: geschafft. Atomausstieg, Ökosteuer, Staatsbürgerschaftsrecht: abgehakt. Sieben Ressortchefs ausgewechselt, der kleine Bündnispartner steht stramm. Eigene Truppen in Stellung gebracht, Ruhe im Hinterland, gegnerische Front in Konfusion. Freies Gelände für die Sommerpause und den Wahlkampf 2002!

Freies Gelände? Auch wenn die rot-grüne Koalition ihre Lage gerne anders darstellt: Dass es noch manchen Einbruch zu verhindern gilt (Gesundheitspolitik! Landwirtschaft!), ist den Beteiligten bewusst. Echte Angst aber haben sie nur vor einer Katastrophe: dass ihnen Rudolf Scharpings Bundeswehr-Reform um die Ohren fliegt. Denn dafür ist in Wahrheit kein Geld da. Und der Tag der Offenbarung naht: Am 13. Juni soll das Kabinett den Haushalt für das kommende Jahr beschließen.

Diese Finanznöte sind, zugegeben, dem nichtuniformierten Normalbürger kaum noch zu vermitteln. Mit rund 47 Milliarden Mark jährlich ist Rudolf Scharpings Ressortkasse gewaltig dotiert, die viertgrößte im Bundeshaushalt.

Da soll es nicht möglich sein, die Streitkräfte von rund 310 000 auf 285 000 Soldaten zu stutzen und dafür die verbleibende Truppe besser auszurüsten und zu bezahlen?

Leichter gesagt als getan. Die im vergangenen Juni beschlossene mittelfristige Finanzplanung lässt den Verteidigungsetat im kommenden Jahr auf 46,5 und im Jahr darauf auf knapp 46 Milliarden sinken. So will es der Konsolidierungskurs der Koalition. Dass Reformieren, andererseits, richtig Geld kostet, wusste indes schon die Weizsäcker-Kommission (und forderte deshalb eine Anschubfinanzierung). Im Wahljahr 2002, so heißt es an der Spitze des Ministeriums, klafft daher ein Loch von mindestens 2,6 Milliarden Mark im Budget. 220 Milliarden, fordert Generalinspekteur Harald Kujat, werden bis 2015 allein für neues Gerät gebraucht - knapp 15 Milliarden jährlich.

Haarsträubende Zahlen - und das für die vermutlich ungeliebteste Baustelle der Koalition. Die Tage, da Sicherheits- und Militärpolitik noch als politisches Karrieresprungbrett galten, sind mit dem Fall der Berliner Mauer vergangen. Wählerstimmen gibt's dafür nicht.

Umso größer ist jetzt das Zähneknirschen in der Fraktion. Hat nicht auch "der Rudolf" die strenge Haushaltslinie abgenickt, ist nicht "das Versprechen einer soliden Finanz- und Haushaltspolitik das Markenzeichen dieser Koalition", wie ein Haushälter murrt? Hat er uns nicht immer gesagt, er schafft es? Ist sein Drängeln nicht vielleicht doch eine "gespielte Psychose", wie ein anderer knurrt? Dass der Minister Frist und Nachfrist zur Anmeldung des Verteidigungsetats beim Finanzministerium hat verstreichen lassen, in Ordnung, das gab's immer wieder mal. Aber dass er immer noch nicht zu Potte kommt und das Haus Eichel den Etat jetzt selber aufstellt ("wir wissen ja, wie man das macht", heißt es dort ungerührt): das ist ja wohl die Höhe.