In Berlin muss Hans Eichel sparen, in Washington bieten tiefschwarze Zahlen im Etat die Gelegenheit, das Geld mit vollen Händen auszugeben. Senat und Abgeordnetenhaus in der US-Hauptstadt verabschiedeten am vergangenen Samstag das größte Steuersenkungsprogramm seit 20 Jahren. Für George Bush junior war es ein Triumph. Das Herzstück seiner innenpolitischen Tagesordung hat Amerikas Präsident verwirklicht - nur fünf Monate nach seinem Amtsantritt, fast so, wie er es wollte.

Zwar werden Amerikas Bürger in den nächsten zehn Jahren nicht mehr die von Bush einmal anvisierten 1,6 Billionen, sondern "nur" noch 1,35 Billionen Dollar weniger nach Washington überweisen. Aber schon diese Summe ist weitaus höher, als es selbst die hartleibigsten Steuersenkungspropheten noch vor wenigen Monaten für möglich gehalten hatten. Auch mit seinem Ansinnen, den reichsten Amerikanern das meiste zu geben, kam der Präsident durch. Das oberste Prozent der Steuerzahler wird ein Viertel aller Entlastungen bekommen - und sogar knapp zwei Fünftel, wenn im Jahr 2010 auch die Erbschaftssteuer fällt.

Dass Bush selbst mit diesem Teil seines Steuersenkungsprogramms erfolgreich war, hat er konservativen Demokraten zu verdanken, die im Senat für die nötige Mehrheit sorgten. Dies, obwohl in Amerika die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird. Zum Beweis genügt ein Blick auf die Einkommenspyramide: Zählte eine Familie 1979 zu jenen fünf Prozent, die am meisten verdienten, dann hatte sie zehnmal so viel wie eine Familie im untersten Fünftel. Heute liegt das Verhältnis bei knapp 20 : 1 - der weiteste Abstand seit dem Zweiten Weltkrieg und die schlechteste Einkommensverteilung unter allen Industrienationen überhaupt. Auch bei der Verteilung des Vermögens - vor allem Aktien- und Immobilienbesitz - sieht es nicht besser aus: Das reichste Prozent der Amerikaner hält über 40 Prozent aller Vermögenswerte, mehr als doppelt so viel wie 1976.

Hilfe für die lahme Konjunktur

Immerhin sorgten die Demokraten dafür, dass auch die weniger Wohlhabenden mit ein paar Steuergeschenken bedacht werden. Am untersten Ende der Abgabenskala wird der Eingangssteuersatz von 15 auf 10 Prozent reduziert

Kinderfreibeträge erhalten künftig sogar jene Amerikaner, die so arm sind, dass sie überhaupt keine Steuern bezahlen. Der großen Mitte werden bis zum Jahr 2006 die Abgabenlasten um insgesamt drei Prozentpunkte gesenkt. Ein durchschnittlicher Steuerzahler, der jährlich 60 000 Dollar verdient, zahlt damit in Zukunft 800 Dollar weniger an den Staat.

Mit dem auf 417 Seiten ausgebreiteten Maßnahmenpaket, zu dem auch Steuernachlässe für den Collegebesuch und für die Aufstockung der privaten Altersvorsorge gehören, werde den Bürgern zurückgegeben, was ihnen vorher genommen wurde, begründete Bush die staatlichen Wohltaten. Gleichzeitig sollen sie der schlappen Konjunktur auf die Beine helfen, indem Investitionen angeregt und die Kauflust gestärkt werden. Nötig wäre dies: Im ersten Quartal legte Amerikas Wirtschaft um nur noch 1,3 Prozent zu, die Arbeitslosigkeit stieg auf 4,5 Prozent. Manche Konjunkturexperten befürchten, dass es trotz der schnellen Zinssenkungen der Federal Reserve - von 6,5 Prozent auf 4 Prozent in kaum sechs Monaten - mindestens zwei Jahre dauern wird, bevor es wieder richtig aufwärts geht. Für Abhilfe sollen die Verbraucher sorgen, auf deren Nachfrage zwei Drittel des Wachstums entfällt. Ihnen will die Steuerbehörde noch im Sommer einen Scheck über 300 Dollar schicken - und damit für mehr Konsum und ein paar Zehntel Prozentpunkte zusätzlichen Wachstums sorgen.