Seit Jahren läuft im Musikfernsehen immer wieder der gleiche Werbeclip für eine Compilation mit Musik aus den frühen Siebzigern. Ein Mann entsteigt einem Auto, wird von Männern in weißen Kitteln empfangen, sie führen ihn durch Räume, die aussehen wie Hallen eines gigantischen Umspannwerks. Doch der Eindruck täuscht. Dieser Mann hat Ingenieure beauftragt, ihm einen Verstärker zu bauen, groß wie eine Stadt. Er wird zum Auto zurückgeleitet, steigt ein, das Auto gleitet über eine Straße, die schwebend an riesigen Verstärkerspulen entlangführt, in einer Wüste steigt er aus. Kilometerhohe Boxentürme stehen am Horizont. Er setzt sich auf ein Sofa, drückt auf die Fernbedienung und lehnt genießerisch den Kopf zurück.

Vielleicht kann man ein Bild des perfekten Sounds nur in den Tönen der Siebziger malen. Das Cover des neuen Albums des französischen Duos Air jedenfalls sieht aus, als sei die Platte für genau diesen Mann aufgenommen worden. Ein retrofuturistisches Betonstudio mit Panoramafenster auf einem Felsen irgendwo in der Wüste von Arizona, im Innenraum befinden sich riesige Mischpulte, in der einen Ecke steht ein Flügel, in der anderen eine akustische Gitarre, und über alldem schwebt der Schriftzug der Band, hervorstrahlend aus blutroten herzförmigen Wolken - Air: 10,000 Hz Legend.

Die Platte sieht aber nicht nur aus wie ein düsteres Progressive-Rock-Epos, sie hört sich auch so an. Es ist eine Platte, die vom ersten bis zum letzten Ton ruft: Hier wird am Klang gearbeitet. Nichts Ungewöhnliches, sollte man meinen, ist doch das Studio spätestens mit dem Siegeszug der elektronischen Musik zum eigenständigen Instrument aufgestiegen. Doch während sich in der elektronischen Musik kaum ein Künstler noch als Musiker begreift, sondern sich lieber Produzent nennt, verhelfen Jean-Benoît Dunckel und Nicolas Godin der Virtuosität wieder zu ihrem Recht. Wo andere Künstler ein "produced by" in ihr Booklet schreiben, heißt es hier: "Recorded and performed by Air."

Drei Jahre sind vergangen, seit Dunckel und Godin Moon Safari herausbrachten, jene Platte, die mit ihrer Mischung aus Easy Listening und Zitatfreude, Vocoderstimmen und Frauenvocals Frankreich 30 Jahre nach Serge Gainsbourg und 20 Jahre nach Jean-Michel Jarre wieder auf der Landkarte der Popmusik eintrug. Moon Safari war porentief reiner Schmusepop, und Air erfand das Symbol eines VW-Busses, dem die Flügel eines Spaceshuttles angeklebt waren: fröhlich verkiffte Zuversicht mit einer lässig implementierten Idee von Vergemeinschaftung.

Voreilig wurden Dunckel und Godin dem French House zugeschlagen, jener Szene, die sich anschickte, mit ihrem Filtersound die Tanzflächen Europas zu erobern - schließlich waren sie mit den wichtigsten Protagonisten dieser Musik befreundet. Doch Moon Safari stand ästhetisch für etwas völlig anderes. Es war nicht nur keine Musik für die Tanzfläche, es war im Grunde gar keine elektronische Musik. Endlose Listen, welcher Moog-Synthesizer und welches Rhodes-Piano in welchem Stück benutzt worden war, sollten schon damals vor allem eins demonstrieren: Wir lassen nicht irgendwelche Maschinen ein Sample loopen, wir spielen selbst.

Diesen Willen zur Kunst treiben Air nun zu voller Breitwandgröße. Mit einer Ernsthaftigkeit und Freude, die womöglich nur zwei Bürgersöhne aus Versailles aufbringen, die in der Tiefe ihres Herzens einzig das für gute Musik halten, was man auch auf dem heimischen Flügel spielen kann, schwelgen Dunckel und Godin in Streichinstrumenten, Pauken, Flöten, akustischen Gitarren, endlos nachschwingenden Beckenschlägen - all das vor dem Hintergrund düster dräuender Synthesizersounds. So entsteht Musik, die klingt wie ein Update von Barclay James Harvest oder der frühen Pink Floyd.

Als hätte es Punk niemals gegeben, umreißen Air einen neuen Geschmackskanon, wo Musiker wieder Instrumente spielen können, wo größtmöglicher Aufwand und modernste Technik wieder Wohlklang erzeugen. Weit entfernt vom Doit-yourself-Ethos der weißen Popmusik dieser Tage, orientieren sich Air an Vorstellungen von musikalischer Perfektion, wie sie so ungebrochen zuletzt im Progressive Rock zelebriert wurden. Es geht um das große Ganze, das ozeanische Gefühl.