Wenn mich der Teufel reitet, was tue ich? Ich kaufe ein ICE-Ticket Berlin-München an einem Sonntagabend. Es fängt gut an: Der Ticketautomat im Bahnhof verweigert meine EC-Karte. Nicht lesbar. Ich vermute, dass es sich um ein Verstehen Sie Spaß?-Langzeitprojekt der Bahn handelt. Für die zehn Meter Schlange am Schalter reicht die Zeit nicht mehr. Leider waren die Arme des Zugbegleiters die letzten, die sich auf dieser Reise für mich öffneten.

Die anderen rammen sich, Ellbogen vorwärts, in meine Milz. Ein Vorgang, der sich beim Stehen im Gang, eng aneinander gedrängt, kaum vermeiden lässt. Erst in Jena Paradies ergattere ich einen Sitzplatz. Mama, du stinkst, kreischt das neunjährige Mädchen vor mir, und es hat Recht. Ihre pflaumenfarben angelaufene Mutter im Sitz vor mir riecht nach altem Schweiß auf Polyesterbluse. Ich halte die Luft an, versuche durch den Mund zu atmen.

Wenn Sie mich fragen, ist das Beste am ICE das Radioprogramm. Einfach Kopfhörer auf, Kanal wählen und eine Wand aus Schall zwischen sich und der Legebatterie um einen herum errichten. Bei fast sieben Stunden Fahrt funktionieren die Entspannungswalzer leider nicht mehr. Ksss, macht der Mann im Sessel hinter mir. Der Laut erinnert mich an den Buchstabenverkäufer aus der Sesamstraße, der geheimnistuerisch den Trenchcoat lüftet, um seine heiße Ware zu präsentieren, oder aber an eine Giftnatter.

Der Mann tippt mir auf die Schulter. Widerwillig nehme ich die Kopfhörer ab.

Ich verrate Ihnen was, sagt der Mann. Kurs 90 wird zusammenbrechen. Hilfe suchend sehe ich mich um. Tarifdschungel, flüstert der Mann. Am 1. Juni 2001 soll er entforstet werden. Wird aber nicht passieren. Erst 2002. -

Warum? - Wegen Kurs 90. Kurs 90 ist gefährlich. Das System wird zusammenbrechen. Er brabbelt weiter, und ich verstehe allmählich, dass es um die Software der Bahn geht. Das Preissystem soll revolutioniert werden. Der Termin wurde verschoben. Man munkelt: wegen Kurs 90, der überalterten Kommunikationssoftware. Die Deutsche Bahn befürchtet einen Schaden von bis zu einer Milliarde Mark pro Jahr. Es gelingt mir nicht, den Mann zu beruhigen.

Er multipliziert Zahlenkolonnen und spuckt dreizehnstellige Beträge aus.