Endlich. Endlich kann Joe F. Colvin zufrieden sein. Die Tagung seines Nuclear Energy Institute in der vergangenen Woche war ein voller Erfolg, denn plötzlich sieht die Zukunft seiner Branche wieder rosig aus. Vizepräsident Dick Cheney hatte die 350 Atombosse, die in Washington zusammengekommen waren, zu stehenden Ovationen hingerissen. Er hatte die Kernenergie kurzerhand zur Geheimwaffe gegen die amerikanische Energiekrise gekürt und dann den Industrievertretern erklärt, wie er und Präsident George W. Bush dem Nuklearstrom zu einer Renaissance verhelfen wollen: durch schnellere Genehmigungsverfahren für neue Reaktoren, durch längere Laufzeiten für alte - und überhaupt durch eine ganz neue Politik. Cheney: "Wenn wir die Umwelt ernsthaft schützen wollen, dann ist es doch höchst fraglich, ob wir ausgerechnet auf eine sichere, saubere und reichhaltige Energiequelle verzichten sollten."

Wie die Zeiten sich wandeln. "Vor drei Jahren noch wollten viele innerhalb und außerhalb der Industrie die Atomkraft zu Grabe tragen", erinnert sich Colvin. Die Gründe für solcherlei Pessimismus lagen auf der Hand: Zwar erzeugen Atomkraftwerke immer noch ein Fünftel des amerikanischen Stroms

dank besserer Auslastung stieg ihre Produktion im vergangenen Jahrzehnt sogar noch um ein Viertel. Doch die Zukunft schien höchst ungewiss. Der letzte Reaktor wurde 1973 gebaut. Bei vielen der 103 aktiven Kraftwerke läuft die auf 40 Jahre bemessene Betriebsgenehmigung demnächst aus. Und kein Unternehmen beantragte bisher, ein neuen Meiler bauen zu dürfen.

Zudem ließen sich immer weniger Techniker für die Kernindustrie ausbilden.

Atomkraft galt nach dem Unfall bei Harrisburg in Pennsylvania und später nach der Katastrophe von Tschernobyl als politisch unerwünscht. Der wichtigste Grund allerdings war ein ökonomischer: Die Kernenergie war in Zeiten niedriger Energiepreise einfach nicht konkurrenzfähig. Atomkraftwerke, da sind sich die meisten Experten einig, konnten den Wettbewerb mit anderen Stromquellen in der Vergangenheit bestenfalls viele Jahre nach der Inbetriebnahme aufnehmen. Noch 1995 beschrieb das jeder Nähe zur Umweltbewegung unverdächtige !Forbes-Magazin das amerikanische Nuklearprogramm als "größtes Management-Desaster der Wirtschaftsgeschichte".

Das, so hofft die Atomlobby nun, werde zukünftig nicht mehr stimmen. Der Zuspruch aus Washington ist dabei nur einer der Gründe für ihren neuen Optimismus. "Wir sind ökonomisch konkurrenzfähig", sagt Corbin McNeill, der Chef von Exelon, dem mit 17 Atomkraftwerken größten Betreiber der USA, und freut sich: "Je höher die Gaspreise klettern, desto besser wird unsere Wettbewerbssituation." Tatsächlich sind in den Vereinigten Staaten die Kosten für Gas, mit dem die meisten neuen Kraftwerke betrieben werden, stark gestiegen, die für Uran hingegen gefallen. Das lässt manch alten, längst abgeschriebenen Reaktor inzwischen zum interessanten Anlageobjekt werden.

"Wir bieten mit, wann immer ein Kernkraftwerk auf den Markt kommt", sagt Randy Hutchinson von Energy Nuclear in New Orleans. Hutchinson und andere trieben die Preise für jene neun Meiler nach oben, die zuletzt den Besitzer wechselten. Der Vermont-Yankee-Atommeiler, eine alte Anlage am Connecticut River, sollte 1999 beispielsweise für 23,5 Millionen Dollar verkauft werden.