Eigentlich, schreibt Peter Fuchs in seinem neuen Buch, "müßte eine tiefe Verwunderung dem Umstand gelten, daß tout le monde glaubt, etwas gesagt, geschrieben, gehört zu haben, als sei dies alles paketförmig und in einem Röhrensystem versendbar, von Absendern eingepackt und verschnürt, von Empfängern aufgeschnürt und ausgepackt - die soziale Welt einer postalischen Gemeinschaft".

Nun hat jener Autor, der uns hier unsere primitiven Alltagsvorstellungen vom Vorgang der Kommunikation zu verwirren sucht, selber wieder einmal ein Paket geschnürt: Die Sätze finden sich gegen Ende seines brillanten Groß-Essays mit dem Titel Die Metapher des Systems. Wer mit dem Fuchsschen Scharfsinn Bekanntschaft gemacht hat, erwartet sehnsüchtig jede neue Post von diesem wohl originellsten Schüler Niklas Luhmanns, um sie umgehend aufzuschnüren und auszupacken. Diesmal enthält das Päckchen ein sehr eigenartiges Werk, in dem sich Idiosynkrasien und hoch abstrakte Spekulationen in einem anregenden Gedankenspiel verschlingen wie zu den besten Zeiten der Frühromantik.

Genau wie die Frühromantik übertreibt nämlich die späte Systemtheorie die Unwahrscheinlichkeit von gelingender Kommunikation. Man starrt gewissermaßen auf das Unverständliche am Vorgang des Verstehens: Wenn es nicht mehr möglich ist, sich gelingende Kommunikation vorzustellen, als würden Subjekte dabei Sinnpakete austauschen wie Stullen bei einem Picknick, was bitte geschieht dann hier?

Die Frage ist für die Systemtheorie von zentraler Bedeutung, denn Kommunikation ist der Grundstoff - man möge den Rückfall in das Vokabular der Substanzmetaphysik verzeihen -, aus dem nach dieser Lehre Gesellschaft entsteht, mithin das eigentliche Objekt ihres Interesses. Das klingt harmloser, als es ist: Soziale Systeme sind nach diesem Verständnis nicht auf Gleichsinn, auf Konsens, auf Werten aufgebaut, schon gar nicht auf Vernunft und auch nicht auf ein laufendes Ausloten der eigenen und der anderen Seelenzustände. "Verstehen ist zunächst und vor allem Anschluss, Fortsetzung, Weiterbetrieb", so hat es Fuchs an anderer Stelle beschrieben.

Es gibt ein beliebtes Kinderspiel, das diese systemtheoretische Einsicht in das Missverstehen als Geheimnis des ganz alltäglichen Erfolgs von Kommunikation erlebbar macht: Stille Post. Die Systemtheorie, könnte man sagen, denkt sich Gesellschaft als gigantische Stille Post. Die zentrale Rolle des Verstehens in sozialen Prozessen, sagt Fuchs, "ist nicht so sehr, dass richtig verstanden wird (gibt es das überhaupt?), sondern dass über Anschlüsse die soziale Adresse des Menschen, seine Person ausgearbeitet wird, die eine (Über-)Lebensnotwendigkeit ist. Es gibt niemanden, der nicht in diesem Sinne eine Adresse ist, ja, dessen tiefstes Begehren es nicht wäre, eine Adresse zu sein, anschlussfähig also. Schon der Säugling strampelt und lächelt sich in diese Adressabilität hinein."

Anschlussfähig zu sein ist wichtiger, als richtig verstanden zu werden - damit es weitergehen kann. Richtiges Verstehen hingegen wäre, fände es einmal wirklich statt, das Ende jeder Kommunikation, eine Katastrophe. Die Sehnsucht danach wäre also recht eigentlich eine Sehnsucht nach dem Tod.

Soziale Systeme - diesen dämonischen Gedanken umkreist Fuchs in seinem Buch - entstehen auf dem Weg einer steten, missverstehenden und doch funktionierenden Ausarbeitung der Adressen für Kommunikation. Systeme sind demnach keine Einheiten, keine Dinge, weder Innen noch Außen, weder Subjekt noch Objekt, sondern vielmehr ein Spiel von Differenzen, "betriebene Unterschiede". Dieser Gedanke ist schwer zu ertragen. Er "läuft auf Paradoxien hinaus, an denen man entweder verzweifelt oder die man epistemologisch blockiert, indem man irgend etwas sein läßt, Gott oder das Begehren des Begehrens, den Willen, die Wahrheit, die Schönheit, das Wesen, die Idee, kurz: irgend etwas, das auch beobachtungsfrei noch wäre."