Im Niemandsland zwischen Köln und Düsseldorf liegt Erkrath. Dort gibt es, wie allerorten zwischen Flensburg und Altötting, ein Gewerbegebiet. Es sieht ebenso wenig bemerkenswert aus wie alle anderen, dafür liegt es fast direkt an der Autobahn zum Flughafen Köln-Bonn. Gut so, findet Michael Ruhl. Der 36-jährige Jungunternehmer sitzt öfter im Flugzeug als im Büro. Häufig nach Israel, oft in die Vereinigten Staaten. Nun ist er "auf dem Weg nach Asien", wie seine Sekretärin vage verkündet.

Dass der Chef des jungen Bio-Tech-Unternehmens Cardion nicht irgendwo auf dem asiatischen Kontinent landen wird, sondern ganz bestimmt auf dem Changi Airport in Singapur, ist leicht zu erraten - unter seinen wichtigsten Zielen sind jene Labors auf der Welt, die embryonale Stammzellen besitzen. Daher ist der Reiseplan übersichtlich: Nur die University of Wisconsin in Madison, USA, die Universität von Haifa in Israel und eben die National University of Singapore haben das von vielen bejubelte und von anderen gescholtene Kunststück vollbracht, Zellen von Embryonen als Stammzellkulturen in ihren Brutschränken zu kultivieren.

In diesen Wunderzellen steckt, glaubt man den Fachleuten, zwar nicht gerade die ganze Zukunft der Medizin, aber doch Heilmacht für schlimme, bislang unheilbare und häufige Malaisen: Herzinfarkt, Parkinson, Diabetes. Mancher Forscher hofft sogar, Rückenmarksverletzte von ihrer Lähmung zu befreien und die Sinnesorgane von Blinden und Tauben wieder in Betrieb zu setzen.

Während sich im Lande Politiker, Ethiker und Forschungsfunktionäre streiten, ob und wie viel Menschenwürde dem Embryo zukomme und wie viel davon kommenden medizinischen Großtaten zu opfern wäre, will man bei Cardion nun darangehen, aus embryonalen und adulten Stammzellen neue Heilverfahren zu entwickeln.

Nicht dass Ruhl die Moral seines Geschäfts egal wäre. "Die Diskussion ist nötig", sagt der promovierte Biochemiker, "wir brauchen einen Konsens für die Aktivitäten der Industrie." Doch die Ergebnislosigkeit der Ethikdebatte geht dem Unternehmer gegen den Strich. "Es muss auch mal entschieden werden. Und das Ergebnis sollte für die Menschen gut sein und nicht nur einzelnen Moraltheoretikern passen."

Indessen ist Ruhl nun dabei, vorzuexerzieren, wie man die Verheißungen der Zelltherapien verwirklichen könnte, ohne allzu sehr in die Ethikfalle zu tappen. "Therapeutisches Klonen - machen wir nicht. Embryonen - verbrauchen wir nicht", befindet der alerte Brillenträger, seit 1997 bei Cardion im Chefsessel. Die strengen deutschen Gesetzeswerke verbieten zwar die Herstellung embryonaler Stammzellen. Doch Forschung und Produktentwicklung sind legal, sei es mithilfe der umstrittenen Embryozellen oder mit adulten Stammzellen aus dem Gewebe von Erwachsenen. Auf den ebenfalls erlaubten Import embryonaler Stammzellen ist man ohnehin nicht angewiesen. Cardions Stammzellprojekte werden im Ausland stattfinden.

Dort hat die Embryonenforschung weithin Fuß gefasst. Seit nicht nur junge Start-up-Firmen, sondern auch Pharmamultis in die Stammzellforschung investieren wollen, dürfte der Ethikstreit um die Embryonen faktisch entschieden sein. Angesichts der gewaltigen Marktchancen und der Heilserwartung von Millionen Kranken könnte sich die deutsche Moraldebatte bald ziemlich gespenstisch ausnehmen. "Diese Diskussion ist für uns Sache der Gesellschaft", befindet Ruhl, "aber wir können immerhin die Fakten beitragen." Die sehen nach Einschätzung der meisten Fachleute so aus: Stammzelltherapien werden kommen. Für Ruhl bleibt nur eine Frage offen: "Wann?"