Rafael Chirbes, einer der bekanntesten Autoren der spanischen Gegenwartsliteratur, stammt aus der Gegend von Valencia. Er ist also ein Anwohner des Mittelmeers, einer, der wie die alten Römer mare nostrum sagen darf. Für jemanden wie ihn ist eine Reise im Mittelmeerraum kein Aufbruch in die Fremde, sondern eine Art Rückkehr in das von der Kindheit Bekannte. Und bei aller Exotik, die die arabische und afrikanische Welt für uns Europäer besitzt: die spanische Levante (irritierenderweise ist in dem Buch einmal vom "Strand von Levante" die Rede, der Übersetzung sei's geklagt) war bis ins 16.

Jahrhundert hinein arabisch

die Architektur, manche Gepflogenheiten und viele Wörter sind es bis heute. Und so findet Rafael Chirbes allerorten - von Kairo bis Benidorm, von Istanbul bis Djerba, von Denia bis Venedig - ein Teil seiner Heimat. Er "entdeckt sein Mittelmeer", wie man im Valencianischen sagt, wenn man ausdrücken will, dass man etwas Altbekanntes bemerkt.

"Ein ums andere Mal hat mich dieses Meer vom Intimen zum Öffentlichen geführt und mich dann der Intimität zurückgegeben." Und diese Intimität, das Wiederfinden des Vertrauten in der Fremde, ist das eigentliche Thema von Chirbes' Buch. Die historisch-essayistischen Texte, die Chirbes ursprünglich für eine Zeitschrift schrieb, sind ganz und gar dem persönlichen Eindruck verhaftet. Darüber kann auch die Bezeichnung "der Reisende" in der dritten Person, die sich der Autor in durchaus falscher Bescheidenheit beilegt, nicht hinwegtäuschen. Was er über den Zustand des Lichts über Türmen und Stränden, die Geschwindigkeit des Lebens oder das Zusammenspiel zwischen der Dynamik des Reisens und der Statik der Monumente zu sagen hat und in den Bewegungen der Fischer beim Netzeflicken sieht, sind nicht die Anmerkungen eines hastig durchreisenden Touristen.

Apropos Touristen: Eins der Glanzlichter in diesem Band ist ein Artikel über - ausgerechnet - Benidorm. Benidorm! Ein Ort, der jährlich von vier Millionen Menschen heimgesucht wird und der jedem reisenden Bildungsbürger als das Grauen des Massentourismus schlechthin gilt

Benidorm mit seinen Bettenbunkern und Betonwaben, Billigläden und -restaurants, tanzenden Rentnern und englisch-deutsch-skandinavischen Brauchtümern.

In Benidorm gibt es nur Bekanntes, und zwar für alle, für Engländer, Nordspanier - und auch für uns "aus den schwarzen Sümpfen Mitteleuropas", wie es der Reisende überaus blumig formuliert. Benidorm ist Sonne und Komfort, Uniformität und - so nennt es Chirbes - "Intranszendenz", Diesseitigkeit eines Paradieses, das vor gar nicht allzu langer Zeit noch Utopie war und das er den pensionierten Arbeitnehmern Europas von Herzen zu gönnen scheint.