Berlin

Diesmal hat Angela Merkel alles richtig gemacht. In der eskalierenden Gen-Debatte, die für die Union zu einer Art Kulturkampf auszuarten droht, hat die Vorsitzende mit dem ausgeprägten Moderationstalent eine weitere Zuspitzung vorerst verhindert. Die Befürworter der umstrittenen gentechnischen Verfahren waren am Montag in den Beratungen der Partei- und Fraktionsführung nicht mehrheitsfähig, doch auch die Gegner erreichten keine Festlegung in ihrem Sinne. Es wird weiter diskutiert, ein "Ergebnis", das sich durchaus begründen lässt: Beim derzeitigen Stand der Debatte würde jede Mehrheitsentscheidung die Partei zerreißen, und ein aktueller Handlungsbedarf ist so lange nicht gegeben, wie die Koalition ihrerseits nicht zu einer gemeinsamen Initiative in der Lage ist. Immerhin ließ Angela Merkel auch nach der Sitzung ihren Willen zu einer vorsichtigen Lockerung von Verboten erkennen. Für die Vorsitzende, die gelernt hat, ihre inhaltlichen Positionen an Macht- und Mehrheitsverhältnissen zu entwickeln, ist das schon fast eine waghalsige Übung.

Und dennoch wird es ihr nicht nützen. "Ein klassischer Merkel" kommentieren auch wohlwollende Parteifreunde den jüngsten Moderationsakt. Und das ist nicht positiv gemeint. Es bezeichnet vielmehr den Hang der Vorsitzenden, eine kontroverse inhaltliche Frage in der Schwebe zu halten, bis sich Stimmung und Mehrheitsverhältnisse so klar abzeichnen, dass sie als Leitplanken für eine risikolose Entscheidung dienen. Das war bei der politischen Resozialisierung Helmut Kohls ebenso zu beobachten wie in der Leitkultur-Debatte, wo Merkel ihre ursprüngliche Position unter dem Druck der Parteistimmung veränderte.

Bei keinem brisanten Thema hat sie sich je so weit festgelegt, dass ihr nicht auch eine Wende möglich wäre. Das gilt selbst in der Zuwanderungsfrage, wo zwischen Konsensbereitschaft und Wahlkampfpolarisierung noch immer alles möglich erscheint.

Autoritätsmangel als Tugend

Mit ihrer Flexibilität entgeht die Vorsitzende dem Risiko, sich im Kampf für Überzeugungen Niederlagen einzuhandeln. Aber für diesen vorsichtigen Stil zahlt sie einen Preis: Sie wird nur noch als eine Stimme im oft dissonanten Chor der Union wahrgenommen, nicht aber als die Leadsängerin. Dass sie die Not mangelnder inhaltlicher Autorität gern als Tugend des herrschaftsfreien Diskurses ausgibt, ist verständlich. Nur weiß die noch immer stark autoritätsfixierte Partei diese Freiheit nicht wirklich zu schätzen. Ihr gilt die Diskursstrategie stattdessen als fortgesetzter Schwächenachweis.

Das ist der Grund dafür, dass die Debatte um den künftigen Kanzlerkandidaten der Union einfach nicht totzukriegen ist. Sie ist die Form, in der die Unzufriedenheit mit der Führung der CDU derzeit ausgetragen wird. Wie anders ist der Affront eines eher bedächtigen CSU-Politikers wie Horst Seehofer zu verstehen, der sich nicht scheut, offen auszusprechen, dass nur noch Edmund Stoiber als Herausforderer von Gerhard Schröder ernst zu nehmen sei. Ein brutalerer Angriff auf die Vorsitzende - qua Amt die natürliche Kanzlerkandidatin - ist von CSU-Seite kaum denkbar. Doch wo bleibt der entschiedene Widerspruch aus der CDU? Dass sich Seehofers Attacke nicht einmal ein ernstlicher Streit zwischen den Schwesterparteien anschließt, darin steckt schon die verzagte Zustimmung zu Seehofers These. Es findet sich einfach niemand, der heute ernstlich behaupten wollte, Angela Merkel habe als Parteivorsitzende die Statur gewonnen, die 2002 eine aussichtsreiche Kandidatur begründen würde.