Silke: Letzte Woche kam ein Paar und wollte einen Südsee-Reiseführer, Samoa und so. Ich meinte, dass es dort bestimmt paradiesisch wäre, aber der Mann sagte gleich, das sei immer nur in der Vorstellung so. Das Schöne an der Südsee sei in Wirklichkeit, dass man dort innerhalb von Stunden tollen Kontakt mit der ganzen Welt bekäme. Er sei CB-Funker, und gleich zog er ein Foto von sich aus dem Portemonnaie, auf dem er mit einem Funkapparat und einer Riesenantenne zu sehen war. Die Frau starrte derweil schweigend auf die Karte und seufzte leise: Ich merk schon: wieder kein Strand, wieder nur Steilküste.

Annelies: Ja, wir hören manchmal wirklich traurige Geschichten! Dieser Kunde, der vor einiger Zeit einen Riesenstapel Prestel-Reiseführer kaufte, aus allen möglichen Gegenden der Welt - da konnte ich mir die Frage nicht verkneifen, wozu er die brauche. Es hatte da wohl eine Trennung gegeben, und auch die Reiseführer vom gemeinsamen Urlaub waren verschwunden, und jetzt blieb ihm nur die Erinnerung ... Wenn dieser Mann heute kommt, kauft er nur noch einzelne Prestel-Bände. Alles scheint wieder in Ordnung zu sein.

Hella: Ich muss immer noch an diesen stillen jungen Beamten denken - ein großer Capri-Kenner. Der plante mit unendlicher Sorgfalt einen Urlaub mit seiner Freundin und suchte sich ganz gezielt einige Titel aus, über die Malaparte-Villa und so weiter. Dann kam er irgendwann mit Tränen in den Augen und fragte, ob er die Bestellung einer ganz detaillierten, vom italienischen Militär angefertigten Capri-Karte rückgängig machen könnte. Da wusste ich schon, es ist bestimmt aus zwischen den beiden. Ach, der tat mir so leid!

Lässt es eure Erfahrung zu, eine Typologie von Reisenden und der Auswahl ihrer Literatur zu wagen?

Annelies: Last-Minute-Leute kommen ja oft kurz vor Feierabend in den Laden gestürzt. Die erzählen dann ganz aufgeregt, dass sie gerade eine ganz billige Reise nach Lanzarote gebucht haben und morgen früh losfliegen. Diese Kunden wollen meistens nur was Kleines, Preiswertes. Ein Marco-Polo-Bändchen, das reicht ihnen. So einigen Bangkok-Reisenden übrigens auch, die greifen vorzugsweise zum kleinen Polyglott. Dann gibt es natürlich auch die Statusreisenden, meistens Ehepaare, die etwas Repräsentatives für den Coffee-Table wünschen, auch zur späteren Erinnerung an die tolle Reise. Die denken, nach Südamerika zu jetten und von dort mit dem Luxusliner in der Antarktis zu cruisen sei etwas ganz Ausgefallenes. Dabei gibt es so viele reiche Leute mit genau derselben Idee, dass wir die passenden Bildbände immer auf Lager haben.

Hella: Viele Leute bereiten sich aber auch ganz sorgfältig auf ihren Urlaub vor. Wie die nette Dame, die etwas über den spanischen Jakobsweg suchte. Da habe ich einen idealen Titel gefunden, der nur mit längerer Lieferzeit herbeizuschaffen war. Ach, gar kein Problem, sagte sie, sie führe erst im Herbst 2002!

Silke: Leider ist es ja so, dass es die von Kunsthistorikern geschriebenen Klassiker der Reiseliteratur fast gar nicht mehr gibt. Die Kohlhammer-Serie zu China und Ägypten zum Beispiel oder der Griechenland-Führer von Schröder - das waren Bücher, die für viele Leute zu ganz wichtigen Begleitern auf diesen teuren Fernreisen wurden. Bei den Neuauflagen verzichten die Verlage inzwischen zum Beispiel häufig auf Grundrisse, um die Bücher lesbarer zu machen. Und dann passiert es auch, dass es zu einzelnen Ländern und Regionen plötzlich nichts mehr gibt: Sahara, Sudan - diese großartigen Kulturlandschaften, die dann ganz aus dem Programm fallen.