Im Jahr 1809 ging der junge Lord Byron auf die Grand Tour. Unterwegs bildete er sich zu jenem romantischen Poeten-Monstrum fort, als das er in ganz Europa Furore machen sollte. Über Portugal, Spanien, Malta gelangte er nach Albanien, wo er in den Palästen des Regionalfürsten Ali Pascha die ersten für sein Dichten so wichtigen orientalischen Impressionen sammelte.

Was von der Reise geblieben ist, findet sich in Byrons Werk, zum Beispiel diese Verse: "Endlich vorwärts zu den Türken / Ob man wiederkömmt, weiß Gott! / Sturm kann viel Malheur bewirken / Und ein Schiff geht leicht capot."

Alle greifbaren Relikte der Welt, in die Byrons albanischer Ausflug führte, sind dagegen verschwunden. Trotzdem machte sich die holländische Schriftstellerin Tessa de Loo im Spätsommer 1996 auf, den Spuren des dämonischen Rebellen zu folgen. War ihr doch schon als Mädchen Byrons Bildnis in albanischer Tracht genauso teuer wie ihren Freundinnen die Fotos von James Dean. Ihr Reiseziel war, wie es bei solchen Abenteuern des Nachvollzugs oft der Fall ist, ein neues Buch. Bei ihr trägt es den Titel Der Traumpalast.

In ein paar Tagesetappen ging es vom griechischen Ioannina ins albanische Tepelena - mit klapprigen Autos, zu Fuß oder auch zu Pferd, wenn es gelang, im Skipetarenland ein paar Gäule mit dem Grün vieler Dollarscheine anzulocken. Was allerdings die Verteilung der touristischen Reize anbelangt, haben sich die Verhältnisse im Lauf der Jahrhunderte genau umgekehrt. Als Byron gen Tepelena ritt, erwartete ihn die exotische Pracht von Ali Paschas Gefolge und Palästen. Tessa de Loo hingegen traf dort nur noch auf graue Plattenbauten und ein paar krautüberwucherte Fundamente, während in Ioannina wenigstens noch die Todesstätte von Ali Pascha der Fantasie Nahrung gab.

Allzu viel ließ sich also über die Reise selbst nicht schreiben. Und hätte es nicht in Albanien einige landestypische Verwicklungen gegeben - ungeübte Dienstleister einerseits, aufopferungsvolle Gastfreundschaft andererseits -, dann wäre es noch weniger gewesen. So kommt das meiste, was Tessa de Loo an durchaus Wissenswertem ausbreitet, dann doch aus den Bibliotheken. Und darin liegt eben auch die Gefahr von solchem literarischen Liebhabertourismus: Wenn die aktuellen Reiseeindrücke der Vergangenheit nicht ein gewisses Gegengewicht bieten, dann kann sich zwischen dem Erlebten und dem Angelesenen kein wirklich produktives, erhellendes Verhältnis herstellen. Was als Exkursion angelegt war, wird überwuchert von Exkursen und Referaten, in diesem Fall über die Reiche Ali Paschas und Enver Hodschas und natürlich immer wieder über Byron.

Um dennoch Nähe zum fernen Traumdichter vorzuspiegeln, greift die Nachläuferin zum Mittel der rhetorischen Kommunion: Sie adressiert große Teile ihrer Erzählung in Briefform an ihn und erklärt vorwiegend, was er bereits wissen müsste: "Auch Du hast dieses Land besucht ..." Komisch erscheint das nur manchmal, schräg hingebogen wirkt es immer. Als unterhaltsames Bildungsreisebuch taugt diese lange Erzählung über eine kurze und gewiss sonderbare Reise trotzdem. Immer noch besser als Porsche fahren in den Spuren von James Dean.

* Tessa de Loo: Der Traumpalast Eine Reiseerzählung aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert Bertelsmann Verlag, München 2000 318 S., 36,90 DM