Für Kemal Dervis geht es ums Ganze. Selten zuvor sei einem einzelnen Land so viel Finanzhilfe zuteil geworden, mahnte der türkische Wirtschaftsminister seine Landsleute zur Dankbarkeit. Allein in den vergangenen drei Jahren hat der Internationale Währungsfond (IWF) seinem Land drei Kredite im Volumen von rund 19 Milliarden Dollar zugeteilt. Die davon übrig gebliebenen 8 Milliarden wurden jetzt noch einmal aufgestockt: Insgesamt 15,7 Milliarden Dollar von IWF und Weltbank stehen der Türkei in den nächsten drei Jahren zur Verfügung - in kleinen Tranchen alle zwei Monate. Der Istanbuler Börsenindex stieg prompt um 6,28 Prozent.

Die Presse bejubelte den Exweltbankmanager Dervis einmal mehr als Retter aus der Finanznot. Aber kurz darauf drohten die Gewerkschaften Massenproteste gegen das Stabilitätsprogramm an. 500 000 Menschen haben seit Ausbruch der Finanzkrise im Februar ihren Job verloren, und das ist erst der Anfang.

Gemeinsam mit Störenfrieden aus den Reihen der rechtsnationalen Regierungspartei MHP verdächtigen sie Dervis, ein Agent fremder Mächte zu sein, besonders der USA.

Die Umsetzung des Reformprogramms steht und fällt mit der Person Dervis. Die herrschende Nomenklatura, die sich jahrzehntelang mithilfe der staatlichen Banken ihr Klientelsystem aufgebaut hat, fühlt sich von dem polyglotten 52-Jährigen und seinen modernen Reden von "Transparenz" und der notwendigen Trennung von Politik und Wirtschaft zunehmend bedroht.

Einen Vorgeschmack auf die zu erwartenden Widerstände bekam Dervis bei der Privatisierung der Türk Telekom zu spüren. Der IWF hatte seinen Kredit unter anderem von dieser Reform abhängig gemacht. Bis zur letzten Minute sperrte sich der formal zuständige Transportminister von der MHP gegen das Vorhaben.

Der gesundheitlich angeschlagene Regierungschef Ecevit, der Dervis aus New York geholt hatte, war zu einem Machtwort unfähig. Erst nach einem Brief des amerikanischen Präsidenten Bush, der vor einem Scheitern der Reformen warnte, einigten sich die Kontrahenten darauf, dass der Anteil ausländischer Investoren an der Telekom 45 Prozent betragen dürfe.

Dank der starken öffentlichen Sympathie - 80 Prozent der Türken würden eine neue Partei mit Dervis als Vorsitzendem begrüßen - und der bislang noch wohlwollenden Unterstützung des allmächtigen Militärs kann sich die Bilanz des neuen Ministers gleichwohl sehen lassen kann. Innerhalb von nur sechs Wochen hat er 15 Reformvorhaben durch das Parlament in Ankara gebracht, darunter ein neues Bankengesetz. Die Bankenaufsicht wurde verschärft, die Zentralbank de jure unabhängig und zwei der vier Staatsbanken, deren Verluste von mehr als 20 Milliarden Dollar die Finanzkrise mit auslösten, werden privatisiert.