D O P P E B E L A S T U N G Nebenjob Schule
Lehrer beklagen die steigende Zahl berufstätiger Schüler. Vor allem bei den Schwächeren leidet die Leistung
Wenn ihre Mitschüler die Schulpflichten mit dem Spaßprogramm tauschen, beginnt für Silvia Warchol der Ernst des Lebens: Jeden zweiten Freitag und Samstag jobbt die 17-Jährige im Drogeriemarkt in Stuttgart-Weilimdorf - raus aus der Schulbank, rein in den weißen Kittel mit Namensschild. Dann füllt sie Pampers in die Regale, berät Kundinnen beim Lippenstiftkauf und sitzt an der Kasse. Als "geringfügig Beschäftigte" hat sie einen 35-Stunden-Vertrag - um ihr Monatspensum voll zu kriegen, kommt sie auch noch unter der Woche für ein paar Stunden in die Drogerie.
Seit sie 16 ist, erarbeitet sich die Gymnasiastin auf diese Weise 560 Mark im Monat - und die Freiheit, sich bei Benetton oder Sisley auch einmal eine Hose extra zu kaufen. Und der Führerschein will finanziert werden: Mit 2500 Mark schlägt er zu Buche. Silvia Warchol ist Schülerin der zehnten Klasse am Stuttgarter Solitude-Gymnasium - gleichzeitig steht sie schon fest in der Erwachsenen- und Arbeitswelt, bezahlter Urlaub und Weihnachtsgeld inklusive.
Die Zahl der Schüler, die wie Silvia regelmäßig vor und nach dem Unterricht sowie am Wochenende jobben, nimmt zu, beobachtet Josef Kraus, Vorsitzender des Deutschen Lehrerverbands und seit 23 Jahren im Schulbetrieb. Seine Feststellung wird untermauert durch eine Umfrage des Bayerischen Philologenverbands: Ein Drittel der Mittel- und Oberstufenschüler jobbe regelmäßig, so das Ergebnis; dabei lag die Quote der 14-Jährigen bei 18 Prozent, bei Abiturienten hingegen bei 50 Prozent. Ein Drittel der bayerischen Kleinverdiener gab gar an, mehrere Nebenjobs zu haben.
Untersuchungen aus früheren Jahren in Nordrhein-Westfalen, Berlin und Hessen ergaben, dass etwa die Hälfte der Schüler der achten bis zehnten Klasse arbeitet - und ihre Arbeitgeber damit zum Teil gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz verstoßen. Denn solange Jugendliche voll schulpflichtig sind - je nach Bundesland bis zur neunten oder zehnten Klasse -, sind sie im Sinne des Gesetzes Kinder. Und für die gilt: Wer älter als 13 ist, darf zwei Stunden an Werktagen leichte Hilfstätigkeiten wie Zeitungsaustragen oder Babysitting ausüben, aber nur zwischen 8 und 18 Uhr. Von 15 Jahren an dürfen Jugendliche dann während der Schulferien bis zu vier Wochen im Jahr arbeiten.
Wenn die Schulzeit zu Ende geht, so zeigen die Studien, haben etwa 80 Prozent der Schüler Erfahrung mit einem Nebenjob: Damit sind die jungen Lohnarbeiter eine Realität, die hierzulande gesellschaftlich kaum Beachtung findet. Anders in den USA: Weil sich die Nebenjobs von Teenagern zunehmend auf ihre schulischen Leistungen auswirken, fordern dort Politiker, die Anzahl der Stunden, die Schüler arbeiten dürfen, herabzusetzen - von bislang 48 Stunden pro Woche auf 30.
Vom Zeitungsaustragen bis zum Website-Designen - was der Arbeitsmarkt an Aushilfsjobs und Verdienstmöglichkeiten hergibt, das schöpfen die Pennäler aus. Sie kellnern in der Disco, kassieren an der Tankstelle oder tippen Briefe im Büro. Während sich die einen mit dreimal Babysitten im Monat oder Putzen im Altersheim begnügen, bringen es andere mit Programmieraufträgen auf zehn und mehr Arbeitsstunden in der Woche.
Die Schule gerät dabei selbst zum Teilzeitjob- zum Ärger von Schulleitern und Lehrern, egal, ob aus Bayern, Nordrhein-Westfalen oder Hamburg. Die Jobberei raube den Jugendlichen die Zeit, die sie für Hausaufgaben und Klausurvorbereitungen brauchen, lasse sie müde im Unterricht sitzen - oder verführe gar zum Schwänzen, so klagen sie unisono. "In der Oberstufe fehlen permanent zehn Prozent der Schüler", berichtet Josef Kraus.
40 Stunden lang Säcke füllen
Und das alles nur, um der "hohen Wohlstandserwartung", in die die Schüler gedrängt würden, gerecht zu werden, sagt Heinz Durner, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbands. Tatsächlich sind es in der Regel Konsumwünsche, welche die Schüler zum Gelderwerb antreiben. Mit ihrem kleinen Verdienst finanzieren sich die Pennäler das, wofür das Taschengeld nicht reicht: Klamotten, den nächsten Urlaubs-trip oder den neuesten Computer - und natürlich das Handy. Denn die wenigsten Eltern sind bereit, ihren Kindern die Mobilkommunikation und den Chat per SMS zu bezahlen. 3,6 Milliarden Mark verdienen 15- bis 17-jährige Jugendliche in Deutschland im Jahr durch Jobs und Nebentätigkeiten, wie das Münchner Institut für Jugendforschung errechnete.
Bei Steffen Potzel aus Bayreuth waren's die eigenen vier Räder, die ihn mit 17 in einer Malzfabrik als "Mädchen für alles" anfingen ließen. Immerhin 40 Stunden im Monat à zwölf Mark füllte er Malz in Säcke ab, erledigte Reparaturarbeiten und half, wo Not am Mann war. Drei Schulnachmittage gingen dafür drauf. Inzwischen ist er 19 und steht kurz vor dem Abitur, deshalb hat er auf 20 Stunden monatlich reduziert. Das Auto hat er längst gekauft, einen VW Polo für 5300 Mark, jetzt braucht er das Geld fürs Tanken.
"Alles eine Frage der Planung"
Acht Stunden wöchentlich reißt sein Mitschüler Thomas Bühl in der Getränkeabteilung eines Bayreuther Supermarkts runter, jeden Montag und Samstag nimmt er Leergut entgegen. Den Lohn - etwa 500 Mark im Monat - packt er aufs Sparbuch, bis es mal wieder an der Zeit für neue Computerteile ist. Das längerfristige Sparziel lautet: ein Audi A3, gebraucht. Seine Noten sieht er durch die Jobberei nicht beeinträchtigt. "Die Schule kommt nicht zu kurz." Steffen Potzel hingegen gesteht, dass er für den Job schon mal die Schule Schule sein lässt, "natürlich nur, wenn es eine unwichtige Stunde ist". Die Zwei vor dem Komma im Abiturzeugnis sei durch die Jobberei auf keinen Fall in Gefahr. "Die Schule geht vor."
Klare Prioritäten setzt auch Patricia Caponetto aus Weilimdorf. Die 16-Jährige hilft jeden Samstag von halb zehn bis um vier Uhr nachmittags im Friseurgeschäft ihres Vaters aus, zusätzlich gibt sie jede Woche zwei Stunden Nachhilfe in Latein. Ihre Einser und Zweier schreibt sie trotzdem, für die ehrgeizige Schülerin alles nur "eine Frage der Planung".
Durch das Jobben verwischen auch die Grenzen zwischen Jugend und Erwachsenendasein. Die Schule als Schutzraum, in der Kinder und Jugendliche nur Schüler sind, gebe es so nicht mehr, sagt Matthias Wasel, Deutsch- und Lateinlehrer am Solitude-Gymnasium. Eltern und ihre Kinder nähern sich so immer mehr an: Während Mama und Papa mit Sneakers und Schlaghosen ihre Postadoleszenz verlängern, geht Sohnemann nach Schulschluss in Anzug und Krawatte zum Programmierjob in die Softwarefirma. Die Eltern haben in der Regel gegen den Zuverdienst ihrer Kinder nichts einzuwenden. Viele sehen es nicht ungern, wenn der Nachwuchs erfährt, was es heißt, mit Arbeit Geld zu verdienen: ein Vorgeschmack aufs richtige Leben.
Für die Lehrer steht indes fest, dass die Ablenkung durch die Arbeit Folgen hat - vor allem bei schwächeren Schülern. "Das geht eindeutig auf Kosten der Leistungen", sagt Lothar Schwietz, der Schulleiter an Silvias und Patricias Gymnasium ist. Die Beobachtung vieler Pädagogen: Während die Cleveren die Doppelbelastung spielend in den Griff bekommen, reduziert sich bei mittelmäßigen Schülern die Bereitschaft, sich in der Schule mehr anzustrengen. Für sie bekommt der Job eine zusätzliche Bedeutung. "Das steigert ihr Selbstwertgefühl, weil sie da schon wie Erwachsene behandelt werden", sagt Matthias Wasel.
Die Lehrer stehen den Nebenbeschäftigungen der Schüler meist machtlos gegenüber - sie müssen hinnehmen, dass es Probleme bei Terminabsprachen etwa für Lehrproben oder Klassenarbeiten gibt und das Interesse an Arbeitsgemeinschaften und Wahlfächern abnimmt. Klar: Wer auffallend oft im Unterricht fehlt, sich unglaubwürdige Entschuldigungen schreibt, muss ein Attest vorlegen und wird zur Not zum Schularzt geschickt. In extremen Fällen scheuen die Pädagogen auch nicht vor amtlichen Schritten zurück. So habe einmal einer seiner Schüler vom Ordnungsamt einen Bußgeldbescheid über 200 Mark aufgebrummt bekommen, berichtet der Schulleiter Lothar Schwietz. Er fehlte ständig im Unterricht, weil er bei einer Restaurantkette fest angestellt war - als stellvertretender Geschäftsführer. Letztlich könne man jedoch nur an die Vernunft der Schüler appellieren, sagt Rainer Rupp, Vorsitzender des Bayerischen Philologenverbands. "Uns geht es wie den Pfarrern. Wir können nur Besserung predigen und versuchen, sie zu der Einsicht zu bringen, dass die Schule die Hauptaufgabe ist und bleibt."
Felix Kopp sieht das gelassener. Der 17-jährige Schüler am Hamburger Helene-Lange-Gymnasium ist Computerexperte und kassiert mit Dienstleistungen rund um den PC 60 bis 100 Mark pro Stunde; mit zwei Freunden hat er eine Firma gegründet. Zwanzig Stunden in der Woche könnten da für Aufträge und Weiterbildung in Sachen Neue Medien schnell zusammenkommen, sagt er. Allerdings habe er in Anbetracht des nahenden Abiturs das Pensum reduziert. "Die Schule läuft gut nebenher", sagt Felix Kopp. Die 14 Punkte im Leistungskurs Informatik sind ihm sicher. Doch eine Nebensache ist die Schule für ihn nicht. Mehrfach hätten ihm Kunden feste Jobs angeboten - die er dankend ablehnte. "Das Abi ziehe ich 100-prozentig durch. Schließlich will ich auf jeden Fall Informatik studieren."
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