N A H O S T Che Guevara oder Ben Gurion
Für welche Rolle entscheidet sich Arafat? ZEIT-Gespräch mit dem Philosophen Mosche Halberthal
DIE ZEIT: Terrorbomben im Herzen von Tel Aviv - rühren die am israelischen Urtrauma, geht es um die schiere Existenz des Staates?
Mosche Halberthal: Dieses Gefühl wächst. Der Terror ist ja kein isoliertes Ereignis. Er erinnert uns an 1947, an den UN-Teilungsplan. Damals haben die Palästinenser die innere Kraft Israels unterschätzt, wollten sie nicht ihren ganzen Traum aufgeben. Auch heute riskieren sie einen größeren regionalen Konflikt.
ZEIT: Einen Krieg wie 1948/49?
Halberthal: Das ist zumindest unsere Furcht. Es tobt eine existenzielle Schlacht um ein und dasselbe Stück Land. Wir befürchten, dass die Palästinenser nicht imstande sind, die Idee der Teilung zu akzeptieren, wonach beide Völker ihre Heimat hier haben und nebeneinander leben müssen.
ZEIT: Aber der Kern der Barak-Offerte in Camp David war doch gerade die Teilung. Warum reicht der Palästinenserführung der halbe Laib nicht?
Halberthal: Ich glaube, dass es aus ihrer Sicht keinen gerechten Frieden mit Israel geben kann, weil dieser Staat nach ihrer Überzeugung grundsätzlich illegitim ist. Die einzige Chance ist ein Kompromiss, und der hat zwei Voraussetzungen. Erstens: Beide Seiten müssen davon überzeugt sein, dass sie ihre Ziele nur auf diese Weise durchsetzen können. Leider hat der einseitige Abzug Israels aus dem Südlibanon diese Einsicht geschwächt. Vielleicht glauben die Palästinenser jetzt, dass die Gewalt schon ausreicht, um ihren Staat zu bekommen. Die zweite Bedingung ist: Ein Kompromiss muss die Würde des jeweils anderen respektieren. Die Palästinenser sind wohl zu der Auffassung gekommen, dass ein Kompromiss grundsätzlich ihre Würde verletzt.
ZEIT: Was bedeutet hier "Würde"?
Halberthal: Der Friedensprozess kreiste im Grunde um den Deal: Sicherheit für Israel, Würde für die Palästinenser. Bloß fingen beide Seiten mit Spielchen an: Die Palästinenser haben Gewalt und Terror als Instrument eingebracht, den Hahn mal zu-, mal aufgedreht. Aber wie können wir, die Israelis, mit ihnen über Sicherheit reden und gleichzeitig Unsicherheit ernten? Wir haben allerdings ein ähnliches Spiel inszeniert: Wenn ihr auf Gewalt setzt, werden wir euch bei eurer Würde packen. Wir werden eure Bewegungsfreiheit einengen, die Siedlungen ausbauen. Statt uns gegenseitig als Partner zu behandeln, haben wir einander erpresst.
ZEIT: Wie hätte man die Würde der Palästinenser respektieren können?
Halberthal: Mit Unabhängigkeit, mit einem eigenen Staat.
ZEIT: Was in Camp David offeriert wurde.
Halberthal: Ja, aber unter israelischer Kuratel, die auch nach dem Rückzug wirksam gewesen wäre. Die Palästinenser wollen Bewegungsfreiheit, freie Verfügung über ihr Land.
ZEIT: Geht es womöglich um mehr als Würde - vielleicht doch um die Existenz des israelischen Staates?
Halberthal: Das ist leider auch der Fall. Die Palästinenser werden wohl keinen Friedensschluss als wirklich gerecht betrachten.
ZEIT: Ist der Kompromiss überhaupt eine Kategorie in der politischen Kultur der Palästinenser?
Halberthal: Ich glaube nicht, dass die Führung, zumal Arafat, dazu in der Lage ist. Den Palästinensern fehlt ein Ben Gurion, wie wir ihn 1948 hatten, der nach der Devise handelte: Lasst uns das Land teilen, einen Staat bauen, auch wenn wir dafür unsere Träume aufgeben müssen. Ben Gurion ist noch einen schmerzhaften Schritt weiter gegangen: Er hat schließlich die Extremisten im eigenen Lager mit Waffengewalt unterworfen.
ZEIT: Warum hat Israel die Siedlungen weiter ausgebaut?
Halberthal: Das war falsch. Aber für Barak waren die Siedlungen letztlich nur Verhandlungsmasse - allerdings nicht sofort. Sie waren seine letzte Karte, die er im richtigen Moment, ganz zum Schluss, ausspielen wollte. Ein riskantes Spiel: Eine Trumpfkarte kann rasch zum Mühlstein um den eigenen Hals werden. Und die gleiche Taktik wurde auch Arafat zum Verhängnis. So wie Barak die Siedlungen erst im letzten Moment auf den Tisch legen wollte, wollte Arafat die Unterwerfung seiner Extremisten bis zum Ende aufschieben. Jetzt wird er diese Geister nicht mehr los.
ZEIT: Gibt es in Fragen der Würde überhaupt einen Kompromiss?
Halberthal: Wenn Würde gleich Rache ist, nein. Solange man sich wie die Palästinenser in der Rhetorik des Opferdaseins verstrickt, ist ein Kompromiss nicht möglich. Es wird sich so lange nichts zum Besseren wenden, solange niemand in der Palästinenserführung sagt: Die Würde ist nicht eine Frage der Revision der Vergangenheit, sondern des Aufbaus einer freien, prosperierenden Gesellschaft. Solche Rede erfordert allerdings die Einsicht, dass sich der andere nicht vertreiben lässt. Letztere haben die Palästinenser, die Araber wohl noch nicht internalisiert.
ZEIT: Der Terror der jüngsten Zeit scheint kein strategisches Ziel außer Terror zu haben. Was wollen die Palästinenser erreichen?
Halberthal: Wir müssen zwischen den Terroristen und der Palästinenserführung unterscheiden. Die Terroristen haben kein anderes Ziel als den maximalen Blutzoll. Doch die Führung denkt strategisch: Die Extremisten sind ihre Peitsche gegen Israel, auch wenn sie sich nicht immer kontrollieren lassen.
ZEIT: Was soll diese Peitsche bewirken?
Halberthal: Die Prämisse der Palästinenser lautet, dass Israel schwach sei. Ergo, so die Vorstellung, können wir einen Palästinenserstaat ohne finales Abkommen kriegen, das uns die Zusage abringt: Wir haben keine weiteren Ansprüche mehr gegen Israel. Das schafft Arafat nicht. Er macht den Fehler aller totalitären Regime. Er verwechselt Demokratie und Freiheit mit Schwäche und Chaos.
ZEIT: Nach 50 Jahren haben sich die Israelis endlich zur Teilung des Landes, ja, auch zu der geteilten Souveränität über Jerusalem durchgerungen. Gibt es eine ähnliche Evolution bei den Palästinensern?
Halberthal: Ich denke schon. Es gibt genügend Stimmen auf der anderen Seite, die das auch aussprechen, zum Beispiel Nabil Shaath, Planungsminister und einer der Chefunterhändler.
ZEIT: Sagen sie es auch öffentlich?
Halberthal: Nicht oft genug. Sie haben zwar ganz offiziell Israel anerkannt, aber sie halten an den alten Träumen fest. Die Zweideutigkeit bleibt, und niemand verkörpert sie besser als Arafat. Er weiß nicht, ob er ein Che Guevara oder ein Ben Gurion sein will, ein ewiger Revolutionär oder ein Staatsgründer.
ZEIT: Also noch fünf, gar 15 Jahre Krieg?
Halberthal: ... oder auch 50. Dieser Teufelskreis wird so schnell nicht aufbrechen.
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