P O R T R Ä T Der Leser als Verleger

Daniel Keel, der Chef des Diogenes Verlags, glaubt, dass Literatur immer auch unterhaltsam sein muss. Ein Porträt

Dieses behagliche Gefallen am Abgründigen prägt bis heute das Profil des Verlages - nicht nur mit den Cartoonbüchern von Tomi Ungerer, Loriot und Sempé, sondern auch mit den literarischen Erfolgen wie Simenon oder Patricia Highsmith, von der er überzeugt ist, dass sie einmal den Rang eines E. A. Poe einnehmen wird; von seinem Grusel-Welterfolg Das Parfum zu schweigen.

Allein die Geschichte, wie er Süskind "verführte", wie er gegen des Autors Rat den Kontrabaß verlegte, wie er ihn so behutsam wie hartnäckig belagerte, bis er ihm endlich das "Ich habe da so einen Roman geschrieben" entlockte, das Manuskript in einer Nacht las und wusste: "Das ist es" - allein diese Geschichte genügte, den Verleger Daniel Keel zu charakterisieren, einen Mann präziser Vorlieben und von lesehungrigem Fleiß. Man trifft ihn, kaum zu glauben, fast immer zu Hause an, wo er liest, liest, liest:

Fritz J. Raddatz: Es ist ja ungewöhnlich, einen Verleger immer zu Hause zu überfallen, nicht nur ungehörig, aber auch ungewöhnlich.

Daniel Keel: Überhaupt nicht, hier können wir ungestört plaudern. Seit rund 30 Jahren mache ich das so, dass ich mindestens die halbe Woche hier bin, um in Ruhe zu arbeiten, zu planen und vor allem, um zu lesen.

FJR: Das heißt aber, dass Sie sich vom - ich sage jetzt mal grob: Management des Verlages sehr weit zurückgezogen haben?

DK: Das scheint vielleicht so, doch das Programm mache nach wie vor ich, ich bin allein verantwortlich und kümmere mich aber auch sehr um die Autoren, um PR, um Werbung, um die Ausstattung der Bücher, zum Beispiel die Umschläge. Oft suchen wir, auch die Lektorinnen und die Lektoren, monatelang nach einem Motiv. Manchmal kommen Vorschläge, die mir oder dem Autor nicht passen, dann wird weitergesucht, bis wir alle zufrieden sind.

FJR: Alle - aber vor allen Dingen offenbar der Herr Keel selbst.

DK: Jetzt kommen Sie mir nicht mit dem "Patriarchen", einer muss doch verantwortlich sein, einer muss Entscheidungen treffen und dafür Kopf und Kragen riskieren! Mein ältester Freund und einziger Partner, Rudolf C. Bettschart, macht das genauso in seinem Bereich der Administration und der Finanzen. Wäre dem nicht so, gäbe es diesen Verlag schon lange nicht mehr.

Diese Entscheidungen - denkt man an Autoren wie Andrzej Szczypiorski oder Donna Leon, Ingrid Noll oder Muriel Spark - können nicht immer ganz falsch gewesen sein. Die Summe der Bestsellernennungen ergibt, dass der Diogenes-Verlag die Nummer eins im deutschen Sprachraum ist (im Taschenbuch die Nummer zwei): der erfolgreichste Verlag in Europa mit rein belletristischem Programm; wobei der Herr Keel - wie alle Verleger - gern ein wenig schielt: die zehnbändige "Zürcher Ausgabe" von Arthur Schopenhauer mag man nur ungern unter "Belletristik" rubrizieren. Wie immer: das Katalogalphabet von Andersch, Alfred bis Zimnik, Reiner birgt eine Fülle literarischer Schätze, die übrigens - denkt man an den großartigen Erzähler Hartmut Lange oder den so erfolgreichen Bernhard Schlink - des Herrn Keel Seufzer "Wir haben ja deutsche Autoren, aber ich würde gern nur deutsche haben" etwas relativiert. Es hat etwas Rührendes, wie er Tage und Nächte mal verzagend, mal unsicher den gelungenen Anfang eines Manuskripts genießt, das dann dieses Versprechen nicht hält, wie er mal den Fortgang für gelungen, aber das Ganze für zu ausschweifend hält. Ein Fossil - der lesende Verleger.

FJR: Wie ist Ihr Wünschelrutensystem? Lesen Sie auch Manuskripte deutscher Autoren, die Ihnen auf diese oder jene Weise zukommen, oder liest das vorher erst mal ein Lektoratsapparat? Filtert man Ihnen das?

DK: Das hat zum Beispiel viele Jahre eine Mitarbeiterin gemacht, die keine Philologin war, sondern Malerin und Nachttaxi-Chauffeuse. Sie hat die Haufen zuerst durchgesehen und kam dann zwei- oder dreimal im Monat mit ein bis zwei Dutzend Manuskripten. Dann las ich meistens nur ein paar Seiten - man sieht doch schnell, wie schlecht etwas geschrieben ist ...

FJR: Oder wie gut.

DK: Wenn's dann wirklich gut ist ...

FJR. Gibt es Autoren des Hauses, die Ihnen da helfen?

DK: Nein, in der Regel gar nicht.

FJR: Sie würden also nie dem Hartmut Lange ein Manuskript geben und sagen, hilf mir, ich bin so unschlüssig?

DK: Ich glaube, der würde das ungern machen.

FJR: Wozu gibt es eigentlich bei Ihnen einen Cheflektor? Was hat der zu sagen?

DK: Der Cheflektor ist verantwortlich für die Ausführung des Programms, von den Verträgen bis zum Druck. Ein weites Feld und eine Riesenverantwortung.

FJR: Also läuft es darauf hinaus, dass die wichtigen Entscheidungen doch nur einer trifft, und das ist der Verleger selber.

DK: Ich fürchte - ja.

Wozu man wissen muss: Daniel Keel ist nur ein klitzekleines bisschen more equal, ihm gehören 51 Prozent des Verlages, 49 Prozent gehören Rudolf C. Bettschart, dem gleichaltrigen Partner (die beiden spielten bereits im Sandkasten miteinander). Der ist nicht nur ein loyaler und offensichtlich erfolggekrönter Führer der Geschäfte, sondern auch ein selbstbewusster Mitchef des Verlages. Als Siegfried Unseld bei Dürrenmatts Hochzeit gönnerhaft zu ihm sagte: "Diogenes liebt man im Buchhandel, aber uns braucht man", da antwortete er gelassen: "Uns liebt man, UND man braucht uns." Mit demselben Selbstbewusstsein kann der kaufmännische Chef deswegen heute sagen: "Der Verlag steht wie eine Eiche" (was er nicht immer tat; dreimal war das Haus am Rande der Pleite) und kann der verlegerische Chef meine Frage, ob es Übernahmeangebote von Konzernen gibt, mit detaillierter Nonchalance beantworten:

FJR: Stimmt es, dass Sie Angebote von andern Häusern kriegen zur Übernahme?

DK: Ja, laufend. Ich kenne zum Beispiel seit langem einen wichtigen Holtzbrinck-Mann. Jedes Jahr auf der Messe sagte er, Daniel, was ist jetzt? Wollen wir wieder mal zusammen essen?

FJR: Sind das Angebote zu einer vollkommenen Übernahme oder zu einer Beteiligung?

DK: Da gab's nie was Konkretes. Ich frage also: Was ist euch der Laden wert - dann lacht er nur.

FJR: Mal angenommen, er würde Ihnen einen sehr gefälligen Betrag bieten ...

DK: Nix da. Es steht nichts zum Verkauf.

Nicht zuletzt der seit Jahrzehnten reibungslosen Zusammenarbeit der beiden Inhaber, wahrlich selten im Verlagswesen, ist das zu danken. Zumal keineswegs alles von Erfolg gekrönt ist, was Daniel Keel anfasst; und dennoch nicht fallen lässt. "Faulkner ist schwer in den roten Zahlen", sagt er zu meiner Verblüffung. Fast alle die herrlichen Klassikerausgaben - Balzac, Tschechow - bringen kein Geld, sondern kosten es; und wenn Daniel Keel - "schätzungsweise sind drei Viertel unserer lieferbaren Bücher in den roten Zahlen" - von diesen beiden als seinen "liebsten Klassikern" schwärmt, "wir legen sie immer wieder neu auf, obwohl sie in den roten Zahlen stehen", dann ergänzt mit grimmigem Stolz der Herr Bettschart: "Wir leisten uns das."

FJR: Sie sagten zu Beginn unseres Gesprächs, Sie kämen soeben aus New York. Vermutlich waren Sie ja wegen eines Autors dort. Könnte es sein, dass Sie nun zu Herrn Bettschart gehen und sagen: "Ich habe da ein großartiges Buch gefunden, aber es kostet den Betrag X" - und Ihr Partner sagte Ihnen: "Lass das"?

DK: Er redet mir nie drein. So wie ich ihm auch nicht.

FJR: Aber müsste er nicht dreinreden?

DK: Wenn er aber zum Beispiel die Bank wechseln will, dann sagt er es mir natürlich.

FJR: Also, dass Sie zu Herrn Bettschart gehen und sagen: Ich möchte da was machen, können wir uns das leisten?, das gibt es bei Ihnen nicht?

DK: Ich weiß selber, ob es genug hat oder nicht.

FJR: Beteiligen Sie sich an dem Vorschussrummel?

DK: Nein.

FJR: Auch nicht in Amerika?

DK: Auch nicht in Amerika. Es gibt Autoren, die so viel verkaufen wie John Irving oder Ingrid Noll oder Donna Leon, dass man auch höhere Vorschüsse zahlen könnte. Aber die Autoren, die so viel verdienen wie die eben genannten, die brauchen das gar nicht. Bestsellerautoren sagen oft: Ich brauche keinen Vorschuss, ich muss sonst nur die Hälfte der Steuer zahlen.

FJR: Würden Sie heute von einem deutschen Autor hören, der Sie enorm interessiert?

DK: Da gibt es mehrere, die schon versucht haben, zu uns zu wechseln, und zwar ziemlich berühmte. Die signalisieren durch einen Agenten, einen Freund, einen Kollegen, der sagt: Mein Kollege würde gern zu euch kommen. Dann prüfen wir sein Werk, wie wenn es ein unbekannter Autor eingeschickt hätte. Möglicherweise muss ich dann sagen: Tut mir leid, das passt uns nicht ins Programm.

FJR: Aber wenn es passen würde, was dann?

DK. Dann sage ich, du hast ja bereits einen guten Verlag, so wie damals bei Alfred Andersch oder bei Friedrich Dürrenmatt.

FJR: Konstruieren wir den Fall: Morgen kommt ein - muss ja nicht gleich ein zweiter Dürrenmatt sein, ein Sie interessierender deutscher, deutschsprachiger Autor, kann ja auch ein Österreicher sein, und Sie lesen das Manuskript und sagen: Donnerwetter, das ist aber toll, und der Mann sagt: Ich kann aber nur wechseln, wenn Sie mir - ich weiß nicht - hunderttausend Mark Vorschuss zahlen. Was machen Sie dann?

DK: Das ist nie vorgekommen.

FJR: Käme es vor, was täten Sie?

DK: Wer weiß ...

So kann nur ein Verleger sprechen, der aus seinen Vorlieben klingende Münze geschlagen hat. Keels Vorliebe gilt ganz unverhohlen dem Unterhaltenden, "amüsant" ist für ihn kein Schimpfwort, und eines seiner Lieblingsbücher, Stendhals Rot und Schwarz, gibt er als Beispiel für sein Dekret: "Ein Roman, der nicht a priori unterhalten will, ist für mich kein guter Roman." Vor der Alternative "Herbert" oder "Ludwig" hat er sich (obwohl die Bücher immer wieder verramscht werden mussten, aber immer wieder neu aufgelegt wurden) für Ludwig Marcuse entschieden; dessen höchst subjektive Essays liebt er. Wobei er gegenüber dem Fanfarenruf "Die junge deutsche Literatur zählt" skeptisch bleibt:

DK: Ach Gott. Das ist eine Fiktion, dieser neue Literatur-Baby-Boom, vielleicht sind darunter ein paar gute Autoren. Vor allem aber gibt's da viel heiße Germanistenluft wie etwa in Klagenfurt. Wenn dort jemand gut weggekommen ist, war es fast mit Sicherheit jemand, den ich nicht mochte. Ich meine natürlich, dessen Produkte ich nicht mochte.

Dabei ist er - "ein großer Glück-Entgegengeher" hat ihn Gerd Haffmans einmal genannt - ein Autoren-"Vater" alten Stils, will nicht Bücher, sondern Autoren verlegen; weswegen sich mühelos eine stattliche Anthologie zusammenstellen ließe aus Lobsprüchen: von Doris Dörrie "Ich danke ihm unermüdliche Ermunterung" zu Federico Fellinis "Ich bin glücklich darüber, dass ich sein Freund bin, ich bewundere seine Integrationskraft. Es gibt also Geschöpfe, die genauso wichtig wie die Schöpfenden - die Künstler - sind, indem sie die Möglichkeiten bieten, die Arbeit eines Künstlers entstehen, wachsen, kennen lernen zu lassen. Und Daniel ist einer von diesen, er ist ein Anziehungspunkt, der um sich schöpferische Kräfte versammelt." Das darf durchaus beim Wein stattfinden. Daniel Keel und seine Frau sind gerne Gastgeber. Er ist kein Wichtigtuer voll intellektueller Prätention, der mit Goethe- und Proust-Zitaten um sich wirft, vielmehr macht er sich über die eigenen Schreibanfänge des jungen Mannes - ein paar Gedichte, ein unvollendeter Roman - lustig. Er ist kein heimlicher Auch-Autor, kennt seinen Platz, wenn er zu Tisch bittet.

DK: Die Autoren gut zu betreuen, das ist unser zweites Hauptanliegen, Autoren, die man nicht nur gern liest, sondern mit denen man auch gern zusammen ist. Ich habe mir nie vorstellen können, dass man eine unangenehme Person ins Programm nimmt, nur weil sie gut verkauft. Es gibt genug Leute, mit denen man ungern einen Abend verbringt.

FJR: Aber es gibt auch umgekehrt einige, mit denen man gerne einen Abend verbringt.

DK: Viele sogar. Wir kennen kaum andere gesellschaftliche Anlässe. Unsere Autoren kommen immer wieder gern auf Besuch.

Nun darf man sich den Verlag nicht als ewiges Gelage vorstellen. Vielmehr wird hart kalkuliert, der Markt analysiert. Allein der im Gewerbe seltene Umstand, dass Diogenes nur exklusiv für dieses Haus arbeitende Vertreter hat - zehn für Deutschland, einen für Österreich, einen für die Schweiz -, und das seit Jahrzehnten, zeigt, dass man in der Sprecherstraße 8 rechnen kann. So ist auch eine Unterhaltung mit Daniel Keel nicht nur literarisches Plauderstündchen; unter der Überschrift "In Zahlen bin ich nicht gut" weiß er zu berichten: "Im Jahre 1982 wurden - bei 127 Novitäten - 218 Titel nachgedruckt, einfach blind, nicht angezeigt, das sind Millionen Bücher jedes Jahr. Und im Jahr 2000 waren es 400, also fast das Doppelte. 400 Titel, die man einfach so nachdruckt, weil sie gut gehen. Wir haben im Jahr 2000 genau 60 echte Novitäten im Hardcover, aber gedruckt haben wir 576 Titel."

Der Mann weiß, wovon er spricht. Und er weiß, was er tut. Der Verlagsgewinn (den er mir leider nicht verrät) bleibt zum großen Teil stehen, die 62 Mitarbeiter werden mit einem Bonussystem beteiligt und erhalten nicht nur das übliche 13., sondern manchmal auch ein 14. und 15. Gehalt. Der Mann von 70 Jahren, der in den knapp 50 Jahren, die der Verlag besteht, 311 Autoren verlegt hat (davon 105 lebende) und 1800 Titel ständig lieferbar hält, antwortet auf meine etwas indiskrete Frage, wie es denn "mal" weitergehen werde: "70 ist heute kein Alter. Die Mutter von Ingrid Noll ist gerade 100 geworden, mein eigener Vater 97. Überlegungen gab und gibt es natürlich, schon seit Jahren. Da wir aber erst 70 sind, ist das im Moment kein Hauptthema. Meine Frau, selber Künstlerin, liest mit, kocht für die Autoren, inspiriert sie. Unsere beiden Jungen könnten in den Verlag einsteigen. Vor allem aber haben wir eine Direktorin und zwei Direktoren und ein fabelhaftes Team, alle mit langjähriger Erfahrung und hoch begabt, die in der Lage sind, Diogenes ins nächste Jahrhundert zu führen. Und an meinem 95. Geburtstag machen wir wieder ein Interview."

 
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