Ein schroffes Bergdorf, dieses Asolo. Enge Straßen, strenge gotische Palazzi.

Aus den Cafés tönt das Scheppern der Cappuccino-Tassen. Im Sommer wandern Scharen von Touristen durch die schattigen Arkaden, den Spuren von Eleonora Duse, Robert Browning und anderen Künstlern folgend, die das stille Asolo als Heimat wählten.

Dabei gibt es noch mehr zu entdecken, das jeden, beinahe jeden Umweg zwischen Veneto und Padua lohnt: Die Tessoria, ein Ladengeschäft in der arkadengesäumten Hauptstraße. Mit herrlichen Tüchern und Schals kann sich hier jeder eindecken oder sich von einfarbigen, karierten oder gestreiften Stoffballen ein paar Meter abschneiden lassen. Die Besitzerin, Marta Pianaro, ermuntert ihre Kunden gern, sich das laboratorio, die Werkstatt, anzusehen.

Es lohnt sich: In der Beletage eines Palazzos erlebt der Besucher eine Szenerie wie aus dem 19. Jahrhundert. Die 150 Jahre alten Webstühle rattern und klappern, dazwischen steht ein hölzernes Umspulgerät, das genauso betagt wie die Webstühle ist und wie diese per Fußpedal angetrieben wird. Hier arbeiten fünf Weberinnen jeden Vormittag, insgesamt 20 Stunden in der Woche - zu wenig, um die große Nachfrage erfüllen zu können. Doch Marta Pianaro ist für Kompromisse in Sachen Qualität nicht zu haben. Wirklich schöne Dinge sind niemals schnell erhältlich, erklärt sie, und unsere Seiden sind wunderschön.

Der Aufstieg der Tessoria begann, als Lucy Beach kurz nach dem Ersten Weltkrieg nach Asolo kommt - eine junge Frau mit ungestümer Energie und Abenteuerlust aus Pasadena, Kalifornien. Miss Lucy verliebt sich in Asolo, und das Dorf nimmt sie mit offenen Armen auf - insbesondere Vittoria Velo, die Chefin der örtlichen Seidenweberei.

Die Kalifornierin kommt ihr wie gerufen. Der kleine, um 1850 entstandene Familienbetrieb mit den beiden sperrigen Holzwebstühlen dümpelt vor sich hin.

Zwar werden auf den grob anmutenden Maschinen die feinsten Seidenstoffe weit und breit gefertigt, doch was nutzt das schon? Signora Velo, eine talentierte Weberin, hat weder Zeit noch Lust, sich um den Verkauf zu kümmern. Lucy Beach erweist sich dagegen als perfekte PR-Strategin, die die Seiden aus Asolo in ganz Italien und auch im Ausland bekannt macht. Unermüdlich tourt sie mit Stoffproben und Farbmustern durch die Gegend. Bald gibt es keine Dame der venezianischen Gesellschaft, die nicht wenigstens ein in Asolo gewebtes Kleid besitzt, und auch keinen Herrn ohne ein seidenes Gilet. Die Manufaktur beschäftigt nun rund 20 Weberinnen und verschifft ihre Stoffe bis nach Amerika.