Immer und immer wieder wird es beschworen, das Traumziel der "inneren Einheit". Auch gut zehn Jahre nach der Vereinigung glauben wir vor allem eins zu wissen: dass wir noch ziemlich weit von ihr entfernt sind. Denn wir meinen, innerlich noch nicht zusammengewachsen zu sein - äußerlich zwar vereint, aber noch nicht wirklich eins. Folgt man Bundeskanzler Schröder und Bundestagspräsident Thierse, hatten wir im Herbst 2000 gerade mal die Hälfte des Wegs zur inneren Einheit zurückgelegt, und die zweite Hälfte, sagten sie, werde "vielleicht nicht weniger beschwerlich".

Eine Einschränkung allerdings gönnt sich die rot-grüne Regierung, denn ökonomisch stünde die innere Einheit, so Staatsminister Schwanitz (SPD) in seiner Bilanz 2000, unmittelbar vor einem "Durchbruch". Doch alles in allem ist der allgemeine Grundtenor verhalten skeptisch, teils kritisch, teils bekümmert. Die Vollendung der Einheit, die innere Einheit, bleibt uns also aufgegeben. Aber wohin wir sie vollenden sollen, was eigentlich alles zusammenwachsen soll, das weiß niemand genau zu sagen.

In der Tat ist bis heute völlig unklar, auf welchen Zustand die wohlfeile Metapher der inneren Einheit eigentlich abzielt, was alles erfüllt sein muss, um das Traumziel zu erreichen. Eine auch nur einigermaßen greifbare Definition gibt es nicht, alles ist im Fluss, ist Prozess und Defizit. Im Handbuch zur deutschen Einheit liest man, dass innere Einheit "nichts Selbstverständliches, sondern eher etwas Offenes und Dynamisches" sei. Ich kenne kaum eine vagere, inhaltsleerere und zugleich demokratie- und gesellschaftstheoretisch problematischere Begriffsbestimmung als die unserer Sozialwissenschaften. Auch die Politik hat diesen Begriff bisher nicht präzisiert - mit der Folge: Die Forderung nach innerer Einheit ist längst zu einem politischen Instrument in der Ost-West-Auseinandersetzung um knappe Mittel geworden, denn um dieses offenbar hehre Fernziel zu erreichen, lassen sich weitreichende Ansprüche stellen. Mehr noch: Das Bestreiten der inneren Einheit, die Betonung seiner Defizite trägt teils gewollt, teils ungewollt zur permanenten Delegitimierung der Vereinigung unter dem Grundgesetz und des politischen Systems der Bundesrepublik bei. Eine weitere Folge ist, dass sich für die Forschung ein nahezu unbegrenztes Feld eröffnet. Kein Bereich der menschlichen Existenz bleibt davon ausgenommen: Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, politische Kultur und Alltagskultur, Mentalitäten, Werthaltungen, Konsum- und Freizeitverhalten sowie individuelle und kollektive Psyche - alles im Ost-West-Vergleich. Selbst das Liebesleben der West- und Ostdeutschen wird zum Prüfstand der inneren Einheit.

Zwei jüngere Forschungsergebnisse mögen das illustrieren: Die Jugendlichen in Ost und West verlieben sich zur gleichen Zeit überschrieb beispielsweise die FAZ ihre Berichterstattung über eine Jugendstudie unter jungen Ost- und Westdeutschen. Die Genugtuung darüber, dass wir endlich so weit sind, war unüberhörbar, also ein Erfolg der inneren Einheit! Allerdings kamen psychologische Untersuchungen über Körpergefühl und Sexualverhalten der West- und Ostdeutschen vor einiger Zeit zu dem Ergebnis, dass sich beide in beidem noch beträchtlich unterscheiden, wobei die Ostdeutschen offenbar das positivere Körpergefühl haben - ein bedenkliches Defizit an innerer Einheit, das tunlichst abzubauen ist! Ich greife weitere Untersuchungsansätze der letzten Jahre heraus. Den einen geht es um die kulturelle und mentale Verwestlichung der Ostdeutschen als Ziel der inneren Einheit, andere fordern, bescheidener, nur die mentale Zusammenführung beider Teile. Wieder andere problematisieren unterschiedliche politische Wertorientierungen, da die Ostdeutschen gleichheitsorientierter, die Westdeutschen freiheitsorientierter seien und beide die soziale Marktwirtschaft unterschiedlich interpretieren, die Ossis staatsdirigistischer, die Wessis marktbestimmter. Für viele liegt die innere Einheit in gleichen ökonomischen Verhältnissen, Einkommen, Lebensstandards, Produktivität, Arbeitslosenzahlen. Manche heben auf die ausgeprägten Vorurteile der Wessis gegen Ossis und umgekehrt ab, sehen in dem Auseinanderfallen von larmoyanten "Jammer-Ossis" und arroganten "Besser-Wessis" große Defizite auf dem Weg zur inneren Einheit. Wieder andere arbeiten unterschiedliche Demokratieverständnisse, im Osten ausgeprägter plebiszitär, im Westen repräsentativ und parteienstaatlicher als Hemmnisse innerer Einheit heraus. Doch damit nicht genug. Wenn etwa, wie vom Hallenser Sozialpsychologen Hans-Joachim Maaz innere Einheit als "innere Demokratisierung" verstanden wird und die Selbstbefreiung der Deutschen in West und Ost in einem "inneren Reinigungsprozess" (wovon, wozu eigentlich?)

gefordert wird, gewinnt man vollends eine bange Ahnung davon, was alles gemeint sein kann, wenn die innere Einheit umfassend ins Visier genommen wird.

Wo es um Innerlichkeit geht, sollten wir Deutschen nach wie vor besonders auf der Hut sein. Wie gesagt, eine positive Bestimmung, das heißt eine Eingrenzung von innerer Einheit, sucht man vergeblich. Aber wendet man die Bestätigung noch bestehender Unterschiedlichkeiten ins Positive, laufen sie in der Summe, mehr implizit als explizit, auf die fortschreitende Homogenisierung hinaus: auf eine Angleichung aller politischen Einstellungen, aller Werthaltungen, Weltanschauungen, Mentalitäten, Vorurteile, Sympathien und Antipathien, Verhaltensweisen, Lebensstile und Empfindungen. Für viele scheint die innere Einheit erst dann wirklich vollendet, wenn die totale Gleichartigkeit aller in allem hergestellt ist, wenn am Ende der völlige Gleichklang der Seelen und Herzen des Denkens und Fühlens und Handelns gegeben ist.

Soll die Einheit grenzenlos sein? Bricht sich in dieser Vorstellung von innerer Einheit die alte deutsche Sehnsucht nach Harmonie Bahn? Das Ideal einer neuen, homogenisierten Gesellschaft ist nirgendwo formuliert. Es ist aber implizit als logischer Umkehrschluss der Betonung ihrer Defizite in den Hinterköpfen lebendig. Kaum jemand will die Homogenisierung bewusst, die Einheit total. Aber historisches Wissen über die Überhöhung der Volkseinheit und das Ende der Freiheit lassen uns frühzeitig Alarm schlagen, damit das wabernde Einheitsgerede nicht unreflektiert und unter der Hand zum Einfallstor für einen neuen Gemeinschaftsmythos wird. Denn nicht die "substantielle Gleichheit", die Gleichheit der Gleichen, die der Theoretiker des Führerstaates, Carl Schmitt, in den zwanziger Jahren zum Ideal der Volkseinheit erhob, sollen die liberale Demokratie des Grundgesetzes auch nach der Vereinigung kennzeichnen. Sondern die Gleichheit der Ungleichheit, nicht die homogene Gemeinschaft, sondern die pluralistische Gesellschaft.