Und dann sagt er ihnen, sie seien in den Hühnerstall hineingeboren. Zu Hühnern habe man sie erzogen. Und er sagt ihnen, sie seien Adler, und sie schweigen und lauschen. Und der Hühnerstall, das sagt er ihnen nicht, ist die Gesellschaft, und Hühner sind schwach. Und die allermeisten Menschen seien Hühner, und du, sagt er ihnen, du schaffst alles, wenn du nur willst, DU, sagt er, DU kannst Adler werden! Und 1100 Adler jubeln. Der Redner heißt Jürgen Höller. Es ist Samstagnachmittag. Draußen regnet es.

Congress Centrum Hamburg, neun Uhr. Unaufhörlich fahren Männer mit dunklem Dreiteiler und gestreiften Krawatten, Coat, Mantel, Ledertasche die erste Rolltreppe hinauf, dazwischen Frauen mit Schlangenlederschuhen und Pumps, Kleidern, Lederhosen, Jeans. Neben der Garderobe - Erste erkennen sich wieder, man scherzt - ein lang gezogener Stand: Bücher, Videos und Kassetten von Brian Tracy, Ulrich Strunz, Jürgen Höller und Napoleon Hill; Die Macht der Motivation; das Erfolgspaket Sprenge Deine Grenzen!; Denke nach und werde reich: die 13 Erfolgsgesetze. Drei viertel zehn, die zweite Rolltreppe. Vor Saal 2 hat die Deutsche Post einen gelben Tisch. "Wir sind überall dabei", sagt die Betreuerin. 80 Postkunden seien hier, im Seminar, von der Post eingeladen, zu vergünstigten Konditionen. Schräg gegenüber: der weißwandige Stand des Deutschen Herold, Versicherungsgruppe der Deutschen Bank. "Die soziale Kompetenz", sagt der Bereichsdirektor Hamburg und Umgebung, "wird immer bedeutender und in den Unternehmen keineswegs richtig gelebt." Fünf vor zehn. Die Tür öffnet sich. 1100 Menschen strömen in Saal 2. Plötzlich - ein Schrei: "I got the power!" Volume: erheblich. Der Groove kommt unweigerlich. Einige wippen schon und schwingen. Dann sind die Reihen dicht. Saal 2 ist voll. Der Organisator von Live Power Seminare tritt auf die Bühne, hinter ihm zwei beträchtliche Videoleinwände, die ihn überlebensgroß projizieren. Er kündigt den teuersten Motivationstrainer Europas an. "Sage und schreibe 45 000 Mark Tagesgage!" Er kündigt den Vollblutunternehmer und Vater zweier Söhne an. "20 Millionen Mark Jahresumsatz!" Er kündigt den Mann an, der vor zwei Jahren die Dortmunder Westfalenhalle füllte. "14 000 Leute!" Und dann stürmt dieser Mann neben der Bühne ins Parkett. Grün-gelber Laser. Theme from Mission Impossible. Er lacht und klatscht schnell. Er fasst Hände und Schultern. Zehn Uhr fünf, der "Termin mit deinem Schicksal" beginnt. 1100 Adler wissen nicht mehr, dass sie Adler sind. Einer muss es ihnen wieder sagen. Das ist der Beruf von Jürgen Höller. Seit 1991 hat er einer Million Menschen Kick-offs, Push-ups und positive thinking beschert; zwei Jahre im Voraus, heißt es, sei er ausgebucht. Jürgen Höller, sagt man, sei der Star, der Papst, der "Magier" unter den Motivationstrainern Deutschlands, und an diesem Samstag, als es unaufhörlich regnet, jubeln ihm 1100 Menschen zu, die spüren, dass alles, alles möglich ist.

Draußen ist schwarze Nacht, und in den sonnenhellen Raum kommen Männer Mitte 30 bis 50 mit passgenauen Anzügen, blauen Hemden, roten Krawatten, und es kommen Frauen Mitte 20 bis 50 in Kostümen, hochhackig und auch casual. 400 Gäste, kein Platz bleibt frei. Cher singt den Choop-Song. München, Stadtmitte, ein Dienstag. Der Präsentator des Seminars spricht vom "Geheimnis der Motivation" und davon, dass weder der Markt noch der Partner, noch das System, nein, meine Damen und Herren, dass nur der Einzelne verantwortlich sei für sein Schicksal. Er spricht über die "Freisetzung von Mitarbeiterpotenzial", über die "Nutzung individueller Ressourcen". Ein Defizit. Neue Anforderungen. Risiken. Chancen! Ein durchaus dynamischer Handschlag, und auf die Bühne steppt Jörg Löhr, Deutschlands "Motivationstrainer der Jahre 1998 und 2000". Ein groß gewachsener, körperpräsenter Mann. Löhr war Leistungssportler, 94facher Handball-Nationalspieler, Europacup-Sieger, Mannschaftsführer, besaß ein Fitnessstudio in Augsburg und noch eines und dann eine Unternehmensberatung, und nun ist er "Erfolgstrainer". Zusatzausbildungen wie NLP, wovon gleich die Rede sein wird, hat er absolviert. Hunderte Seminare hat er selbst besucht, Robbins, Tracy, hunderte Bücher gelesen und nicht weniger Kassetten gehört. Selten sieht man ihn nicht strahlen. Seine Augen sind wasserblau und sehr offen. Er zeigt Impulse als Zentimeter, zieht gern drei, vier grobe, allgemein verständliche Linien auf das Flipchart, "mit Spaß und Freude ist eine ganz andere Leistung möglich", sagt er dabei den Zuhörern, die lächeln, lachen, klatschen, staunen, die schon wenig später schreiben werden, dass sie dieser Abend verändert habe.

Seit der postmodernen Erosion der "alten" Werte in den achtziger Jahren, die zugleich ein Plädoyer für Öffnung und die Erlaubnis zu Pluralismus und Wahlfreiheit war, rollt eine Welle durch Deutschland, die aus dem Amerika von 1870 kommt. Ihr Erfolg beruht darauf, dass sie dem Einzelnen eine schier endlose, von gesellschaftlicher Erziehung verschüttete Selbstmächtigkeit unterstellt. Eifernde Evangelisten in den Vereinigten Staaten machten den Anfang, es folgten, in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts, Dale Carnegie, Joseph Murphy, Norman Peale und Erhard Freitag, in den Achtzigern und Neunzigern Anthony Robbins, Brian Tracy und Tom Peters. In Deutschland will Anfang der siebziger Jahre die Münchnerin Vera F. Birkenbihl, nach zehn Jahren heimgekehrt aus Amerika, den "psychologischen Supermarkt" erfunden haben. Es gab Nikolaus Enkelmann, dann kamen der Holländer Emile Ratelband und seit fünf bis zehn Jahren jene, die manche Medien mit religiöser Konnotation "Päpste" und "Gurus" nennen: Ulrich Strunz, Bodo Schäfer, Jürgen Höller, Jörg Löhr. Die Welle führt, je nach Standpunkt des Betrachters, hilfreiche Visionen, fatale Ideologien oder schlicht zusammengeklaubte Kalenderweisheiten mit sich. Sie verspricht "Power", Frische und Aufbruch, fließt im Bett des "Positiven Denkens", speist sich hemmungslos aus dem Prinzip Individualismus und ergießt sich in das "Un- und Unterbewusste". Auf ihrem Weg hat sie Kinesiologie und Kybernetik mit sich gerissen und vor allem das "Neurolinguistische Programmieren (NLP)", einen psychologischen Mischmasch, der das Wort mit dem Denken, das Denken mit dem Willen gleichsetzt und mit der verbalen Suggestion das Gehirn neu formatieren, das Individuum auf die Schnelle verändern zu können glaubt. Die, die auf dieser Welle erfolgreich surfen, ziehen eine Menge Trittbrettfahrer hinterher. Man unterteilt sie in seriös und unseriös, kritisiert sie als Bluffer, Blender und Betrüger, lobt sie als Propheten, Priester, Profis. Es sind ehemalige Leistungssportler, Direktverkäufer, Unternehmensberater oder alles zusammen. Sie sind schrill und bedächtig, und ihre Zahl beläuft sich auf über 1000 in Deutschland, was geschätztes Minimum ist. Was sie verkaufen, sind Strategien zur Selbstvermarktung, zu Kreativität, Selbst- und Zukunftsmanagement, "Präsentainment", Rhetorik - die ewigen Gesetze des Erfolges. Sie bieten Tagesgroßveranstaltungen an, vertiefende Zwei-, Drei- und Viertageseminare, werden für die firmeneigene Fortbildung gebucht, als mentale Honorierung für verdienstvolle Außendienstmitarbeiter, und als Firmenpräsent zur Pflege der Kunden. Sie füllen Hallen und Hotels, lassen Führungskräfte über glühende Kohlen und durch Scherben gehen, mit dem Hals Eisenstangen verbiegen und Tsjakkaa! schreien. Sie empfehlen sich gegenseitig, nehmen sich unter Vertrag, treten als "Gaststars" auf und sind sich doch Konkurrenz. Ihre eigenen Firmen gehen Pleite, sie torkeln, fallen und stehen wieder auf. "Du musst immer einmal mehr aufstehen als hinfallen!", sagt Jürgen Höller. "Erfolg heißt, einmal mehr aufzustehen als hinzufallen", sagt Jörg Löhr. Das Zitat stammt von Churchill, und Dorothea Laupheimer, wie das Leben so spielt, ist gerade wieder aufgestanden.

Lange habe sie in einem düsteren Loch gesteckt, sagt sie, persönliche Probleme, eine schwere Krankheit in der Familie, eins kam zum anderen, und so weiter, man kennt das ja, sie fühlte sich ausgelaugt, groggy, grau, wollte Spaß am Leben und fand ihn nicht mehr. Dann besuchte sie ein Seminar bei Jörg Löhr, und vieles, sagt sie, habe sich von da an zum Guten gewendet. Dorothea Laupheimer, Zahnärztin aus dem schwäbischen Laupheim, Kieferorthopädin und Praxischefin mit Zwölfstundentag, hat drei große Dreitageseminare mit Jörg Löhr absolviert, dazwischen dessen Bücher gelesen, verinnerlicht und verschenkt, sich Löhrs Hörkassetten gekauft, auf dass auch Autofahrten Sinn abwürfen, und sie habe, wie sie sagt, allmählich begriffen, "dass nur du selbst dich motivieren kannst". Löhr habe Antworten auf ihre Probleme. Löhr ziehe einen mit. Auf Löhr lässt sie nichts kommen. Jedes Mal nach den Seminaren, als sie nach Hause gekommen und wieder sie selbst gewesen sei, hätten ihre Kinder sie staunend dasselbe gefragt: "Mama, was hat denn der mit dir gemacht?" Sie lacht. Einer ständig kranken Mitarbeiterin, "einer sehr guten Fachkraft", habe sie irgendwann in einem langen Gespräch von Löhrs Thesen erzählt. "Danach war die keinen Tag mehr krank." Ihre Berufsgruppe, müsse man wissen, stehe ständig unter Stress, Wochenendarbeit, kaum Urlaub, wenig Zeit für die Familie, Anspannung, Verspannung, und in Kürze werde sie deshalb ein Entspannungsseminar besuchen und dann ein Feuerlaufseminar, und danach werde sie ihre Erkenntnisse an ihre 30 Mitarbeiter weitergeben. Eine Art Kunst für sich sei dieses Denken, eine Kunst der Wiederherstellung von Lebensfreude, "Gedanken- und Worthygiene", und dazu das Dreigestirn des Pragmatismus: Begeisterung, Mut und Tatkraft. All das also, was Jürgen Höller vermisst, in und an der deutschen Gesellschaft dieser Tage, die das Positive unter Verschwörungsverdacht stelle, dem Nein huldige, den einzelnen Bürger klein und ziellos halte, weil dieser sich klein und ziellos halten lasse und doch groß und erfolgreich werden könne - ein Adler eben.

Am Rande des schlummernden Schwebheim, tiefes Franken, liegt eine weiße Villa neben dem Wald. Ein bewegliches Kameraauge erfasst den Vorhof, und wenn es klingelt, übernimmt der Mischling Gino das Regiment. Höllers Arbeitszimmer ist noch neu. Seit zwei Jahren wohnt die Familie im Tausendseelendorf Schwebheim, in dem Höller vor 37 Jahren als Arbeitersohn geboren und nach eigener Einschätzung um Anerkennung betrogen wurde. "Wissen Sie", sagt er, "ich bin ein im positiven Sinne Verrückter, weil ich weggerückt bin vom Gewöhnlichen." Höllers "größte Schwäche" kommt herein, bringt Kaffee und Gebäck. Kerstin Höller grüßt herzlich. Das Essen, flüstert sie ihrem Gatten bei einer Umarmung ins Ohr, stehe unten in der Küche. Die Höllers küssen sich, die Tür klappt leise. "Ich empfehle nicht, dies oder das zu tun, ich will unabhängige, erfolgreiche Menschen." - Erfolg ist ja nun eine dehnbare Hülse ... - "... für mich ist Erfolg ganzheitliches Glück, in allen Lebensbereichen." - Ist Glück also Erfolg? - "Wir müssen einfach begreifen, dass wir heute lebenslang zu lernen haben, und man muss den Leuten Mut machen, muss ihnen sagen: Du schaffst es, du musst nur an dich glauben!" Höllers bestes Beispiel ist Höller. Ob vor Zehntausenden in den Hallen der Republik oder in der Gelassenheit privathäuslicher Intimität: Wenn er spricht, spricht er immer das Gleiche und spricht er über sich. Erfolg ist allen möglich, weil er ihm möglich war. Misserfolg muss nicht sein, weil er aufgestanden ist. Jedes Huhn könne wieder zum Adler werden, sagt Höller, das sei seine Botschaft. Strebt jeder unbedingt nach oben, nur weil Höller nach oben strebte, seit er mit sieben beschloss, so groß zu werden, so wie sein Vorbild Arnold Schwarzenegger, der Grazer Bub? In Schwebheim damals, im Sportunterricht, Fußball, Handball, wer ist da immer übrig geblieben, als die Mannschaften sich formierten? "Der Klassendicke und der kleine Jürgen." Die hat niemand gewählt. Die wollte man nicht. Höller lacht. Es bleibt ein professionelles, ein trockenes Lachen. Heute kämen die Sportasse zu ihm, Welt- und Europameister, Berühmtheiten, und er spricht vom Christoph, der gerade vorher angerufen hätte, und er meint den zurückgekehrten Daum, Fußballtrainer ehedem. Höller trinkt seine Tasse Kaffee, lehnt sich zurück, nestelt am roten Poloshirt. Ein Fax kommt. Der Jürgen Höller, sagt Jürgen Höller, sei heute Deutschlands, vielleicht Europas erfolgreichster Motivationstrainer. Motivieren kann er nicht. Will er auch nicht. Motivieren könne sich jeder nur selbst. Menschen, die ihn aufsuchen, haben Erfolg. Aber sie wollen mehr. Sie wollen die letzten zwei Prozent. "Sehen Sie, ich will, dass sich die Menschen ein wenig überschätzen, denn wer sich nicht überschätzt, kommt nicht aus der Komfortzone heraus." Pessimisten, Nörgler, Skeptiker, Miesmacher, Grübler - alle diese mag er nicht. Von Zielen, von Visionen spricht er, und vom schmalen Grat zur Halluzination. "Die meisten Menschen erkennen die Barrieren zwischen ihrem Istzustand und dem Erfolg nicht, und ich biete ihnen einfach Strategieänderungen an." - Manche, hört man, hätten nach seinen Seminaren Allmachtsfantasien ... - "Was glauben Sie: Ich mache mir aus meiner Ethik als bekennender Christ heraus jeden Tag Gedanken, wie ich es schaffe, dass die Leute eben nicht übertreiben, dass ich sie so erreiche, dass sie sich selbst aus dem Sumpf ziehen können." So hat er es getan, Tag für Tag, Jahr für Jahr, und dabei ist jene Vision gereift, die er weitergeben, mit der er Erste Lebenshilfe leisten will: "Erst mal muss ich über den Hügel da laufen und sehen, was dahinter ist. Denn das, was dahinter ist, will ich erobern, wie es die amerikanischen Siedler auf dem Weg nach Westen getan haben." Keine Wolke über Schwebheim, Franken. Eine blendend starke Frühlingssonne. In der Garage ein roter Ferrari. "Viel Erfolg!", sagt Höller, winkt und schließt die Haustür.

Congress Centrum Hamburg, vor Saal 2, Kaffeepause. Man redet und lacht und ist bereits gut drauf. Manche wippen an Stehtischen in einem fort, andere sind noch ergriffen. Dieser Höller habe Power, meine Güte, sagen sie, schauen sich erfreut an. Die Damen und Herren vom Pharmavertrieb etwa, eingerahmt von zwei Lehrerinnen und dem Mann aus dem Stromkonzern, verweisen darauf, wie das positive Denken ihren Arbeitsalltag verändert habe, wie das öde, eingefahrene, funktionale Dasein lebendig geworden sei, freier, glücklicher, gelungener. Natürlich, das Negative, sagen sie, das gehöre wohl dazu, aber nun ziehe es sofort das Positive nach sich - wie man in den Wald reinschreie, so komme es ja zurück. Auch heute, sagen sie zum Schluss, werde man den Schwung mitnehmen, und man freue sich auf die nächsten Stunden, ja, schon jetzt habe sich der Tag gelohnt. In Saal 2: ein Schrei.