In einem kleinen Büro nahe der Isar - im Schaufenster kapitalismus- und sektenkritische Titel - sitzt ein Mann mit langen hellblonden Haaren und nennt die Ideen der Motivationstrainer "psycho- und sozialdarwinistischen Machbarkeitswahn". Der Mann heißt Colin Goldner, ist seit 1995 Leiter des Forums Kritische Psychologie in München und diagnostiziert "Denk- und Wahrnehmungsdefizite" zunehmend bei Leuten, die den "trivialisierten Hypnosuggestionen" und "pseudodialektischen Heilsversprechen" tingelnder "Drittklassgurus" auf den Leim gingen. Was für ein Vorteil es denn bitte schön sei, ein Adler zu sein, fragt Goldner, ein Raubvogel, der andere Vögel auffrisst? Und ist nicht gerade der Adler selbst vom Aussterben bedroht? Zwei Dinge charakterisieren Goldner zufolge jeden so genannten "Motivationstag": die überautoritäre Gängelung und Konditionierung des Publikums erstens und zweitens das teuer bezahlte Angebot, in frühkindliche Entwicklungsphasen zurückfallen zu dürfen. Diese "Chance zur Totalregression" spreche die Sehnsucht der beruflichen Einzelkämpfer nach der Flucht ins Spielerische, um nicht zu sagen Infantile an. Motivationstrainer schwämmen im abgestandenen Fahrwasser der New-Age-Esoterik, sagt Goldner, wo der "verquast-reaktionäre Firlefanz von Rajneesh oder Scientology" noch eine Rolle spiele. Höller, Löhr und Co., meint Goldner, seien bloß "nützliche Handlanger" kühl kalkulierender Firmenchefs, die stromlinienförmige Mitarbeiter wünschten und deren ebendadurch lahm gelegte Kreativität anzuzapfen suchten. Ein Prinzip der puritanischen Arbeitsethik im Zeitalter der Globalisierung. Ein Zwang zum motivierten Selbst, der den Anspruch eliminiere, die Arbeitsbedingungen mitzubestimmen.

Drei Wochen nach dem "Termin mit deinem Schicksal" hat der Bereichsdirektor Hamburg und Umgebung des Deutschen Herold mit jenen etwa 100 seiner 660 Geschäftspartner gesprochen, die sein Unternehmen zu Best of Höller eingeladen hatte: Bankdirektoren, Versicherungs- und Finanzmakler. Die Karten hatten zwischen 99 und 500 Mark pro Kopf gekostet. Ist etwas geblieben nach dem Samstag in Saal 2, als die Energie von vorn nach hinten und von hinten nach vorn zu fließen schien, als sie sich umsetzte in Euphorie und Fröhlichkeit? Von "vorbehaltlos positiven Rückmeldungen" berichtet Karl-Heinz Döring erst mal. Viele seien begeistert gewesen und würden seither an sich arbeiten, sie planten, den Tag aktiv anzugehen, die Lethargie des Alltags zu bekämpfen, Ziele zu formulieren, und zwar schriftlich, wie Höller es forderte. Die Konkurrenz, sagt der Bereichsdirektor, sei hart, der Markt gnadenlos und eine Dienstleistung im Grundsatz unsinnlich: Lassen sich so vielleicht begeisternde Verkaufsstrategien entwickeln oder gesteigerte Umsätze? Eben, sagt Döring, jetzt liege es an jedem selbst, mehr aus sich zu machen, jetzt sei jeder seines eigenen Glückes Schmied. Neue Aufgaben fordern, heißt das. Neue Probleme. Neue Ziele. Neue Chancen. Und in der Firma: ein neues "Wirgefühl".

Bleibt wirklich etwas nach einem Samstag in Saal 2, Hamburg, nach einem Dienstag, München Stadtmitte, nach vielen Stunden geliehener Lebensenergie? Nach Pusch, Kick-off, geborgter Euphorie? Wird sich das Leben ändern, das Glück herbeifliegen? Oder wird das Fantastische von der Realität vernichtet, und werden die Adler wieder zu Hühnern im großen, mobilen Stall, der sich Leben nennt und aus dem es kein Entkommen gibt? Warum also, fragt Günter Scheich, ziehen, pilgern, strömen Massen von Deutschen auf "Motivationstage"? Und was sagt dies über soziale Reife, kulturelle Kompetenz und den möglichen Hang zur Massenhysterie? Scheich ist Psychotherapeut in Oelde im Münsterland, hat eine grundsätzlich andere Lebensauffassung als Jörg Löhr und Jürgen Höller und ist zu keinerlei Zugeständnis an das positive Denken bereit. "Positives Denken macht krank", sagt er, und für diesen Satz, der auch Titel seines Buches ist, würde Jürgen Höller ihn, sozusagen, am liebsten einsperren lassen. In einen Hühnerstall vermutlich. Günter Scheich, der mühsam und kleinteilig mit verletzten Seelen arbeitet, sieht in Motivations- und Erfolgstrainern gefährliche Scharlatane, weil sie auf unverantwortliche Weise die Psyche der Menschen manipulierten. Beweise liefern ihm experimentelle Studien aus der Wahrnehmungs- und Emotionspsychologie, und bald sollen Experimental- und Kontrollgruppen zusammengestellt und empirische Langzeitstudien zum fatalen Einfluss des positiven Denkens begonnen werden. Hundertfach haben ihm verzweifelte Angehörige geschrieben: von plötzlich unzugänglichen Töchtern, erfolgshysterischen Söhnen, euphorisierten Gatten, von Arbeitnehmern, die kündigten, weil sie sich für Adler hielten, und doch wieder im Hühnerstall endeten, von Angestellten, die unter ihren Chefs litten, weil diese unzumutbare Positivdenker waren und mit klatschenden Händen ihre Untergebenen tyrannisierten, auf Seminare schickten, dauernd zu Terminen mit dem Schicksal. "Unsere reiche Gesellschaft hat massenhaft unreife Menschen", sagt Scheich und meint jene Systemmenschen mit aufgepumpter Selbstsicherheit, die ihr Leben den Gesetzen des "Funktionalitätsprinzips" unterwerfen: cool, schön, reich, erfolgreich. Der pure Optimismus. Diktate chronischer Fröhlichkeit. "Für die Psychohygiene ist das sicher ganz verheerend: Wut, Ärger, Aggression, Zweifel sind sehr wichtig für die Lebensorientierung einerseits und die psychische Gesundheit andererseits." Menschen, die zu Erfolgsseminaren gingen und sich durch positives Denken gleichschalten ließen, behauptet Günter Scheich, seien labil und brauchten Halt. Viele wüssten nicht mehr, wer sie wirklich seien, kämen euphorisch nach Hause, verspürten den Impuls, innerhalb einer Viertelstunde ein ganzes Leben umzukrempeln und schritten zur Tat. "Diese Leute denken, sie könnten mit geringstem Aufwand alles erreichen, wenn sie nur ihr Denken umstellen. Absoluter Unsinn, und gefährlich dazu." Günter Scheich also steht kopfschüttelnd vor der Tatsache, dass sich Abertausende deutsche Bürger mit Vernunft, Verstand und einträglichem Wohlstand von Jürgen Höller und Kollegen den Weg zum Paradies auf Erden ausschildern lassen. Ein Paradies aus gedroschenen Binsen?

Die Sehnsucht nach dem erlösenden Wort des Erfolgsverkünders, nach dem Glücksvorführer hat nach Ansicht von Psychologen, Hirnforschern und Kulturwissenschaftlern mit intellektueller Potenz gar nichts zu tun. Ichstärke ist keine Frage der Intelligenz; vielmehr sucht die im Berufsalltag beanspruchte Ratio Ausgleich im seelischen Anderswo. Je simpler die Botschaft, desto attraktiver der Fluchtweg. "Die Adressaten solcher Beeinflussungsversuche", meint der Führungstheoretiker Oswald Neuberger, "haben irrationale Ängste und Wünsche, die ein Motivationsguru zu lösen und erfüllen verspricht." Du kannst es! Auch du hast Erfolg! Du bist gut! Du bist besser als dein Konkurrent! Und für einige Stunden erliege man der massenpsychologisch berechneten Suggestion individueller Überlegenheit. Neuberger nennt das "kollektive Erregung". Und Jürgen Höller sei deshalb durchaus begabt. Ein Aufreißer. Mehr nicht.

1100 Adler jubeln begeistert

Jürgen Höller redet ohne Pause. Seine Stimme ist weich. Er spricht frei, in einem fränkischen Fluss. Dunkler Anzug, dunkle Weste, weißes Hemd. Er bewegt sich geschmeidig, läuft im Radius von zwei Metern mit lockeren Schritten. Seine Sprache ist linear, ohne Fallen, Kniffe, Fremdwörter. Der Satzbau ist schlicht und imperativisch: Subjekt, Prädikat, Ausrufezeichen. Jeder soll ihn verstehen. "Ihr müsst handeln! Tut was!" Er sagt: "Ich sage nicht, dass das richtig ist, was ich sage." Er setzt sich auf Barhocker an der Bühnenrampe. "Jedes Ziel ist immer außerhalb deiner Komfortzone." Er will Distanz verringern und doch beibehalten. "Bitte erweitere deine Komfortzone!" Der Saal verdunkelt. Spot auf den Coach. "Den Sinn des Lebens", Stille, "muss jeder selbst finden." Im Hintergrund: Meditationsmusik. "Ich war mit 21 fast pleite. Jetzt bin ich Multimillionär." Seine Arme gehen zur Decke. "Zeige Schwäche und Zweifel - und du wirst niemals erfolgreich sein!" Da stürmt Jennifer Lopez mit Lets get loud und tausend Watt in Saal 2. Jürgen Höller schreit: "Hey! Hey! Hey!" Rote und blaue Laserstrahlen zucken. Auf einer Videoleinwand springen Tiger in Zeitlupe, und Surfer wirbeln durch die Luft, dazwischen Höller live, in Sequenzen zerlegt. Dann donnert Move your body herein, und sie tanzen, twisten und in die Luft stochern Zeigefinger stakkatohaft, schnelle Schläge, harter Bass. Höller in Ekstase, dann klippenspringende Skifahrer im Tiefschnee. Und irgendwann, als der Termin mit dem Schicksal zu Ende geht, fliegen zu Here comes the summer sun Luftballons durch den Saal 2 des Hamburger Congress Centrums, und die strahlenden, sich reckenden Makler, Pharmavertriebler und Unternehmensberater tippen sich Bälle und Ballons zu und schicken sie fort in die Finsternis des Raums. "Das Geheimnis des Erfolgs", sagt Jürgen Höller dabei, "ist ganz simpel: Denk immer an dein Ziel - glaub an den Erfolg - träume davon, Tag und Nacht." Es ist sechzehn Uhr als "Mister Motivation" die Leben verändern will. Nun weinen die Töne einer anrührenden Musik im Hintergrund, und er wandelt im Lichtkegel über die Bühne, und 1100 Menschen sind plötzlich still, schauen gebannt, andächtig, und dann, bevor er die Arme in die Luft hält und den Kopf nach hinten legt, bevor er gehen wird und sie mit ihrem Leben wieder allein lässt, sagt er es: "Gib NIE, NIE, NIE ...", er bleibt stehen, vorne, am Rand der Bühne, wo noch immer der Graben zur ersten Reihe ist, seine Hand beschwört das Wort, "... gib NIEMALS auf!" 1100 Adler jubeln. Er verneigt sich, winkt, saugt die explodierende Begeisterung in sich auf, und es will scheinen, als sei dies das Finale einer großen Oper, als seien es Sekunden nach der letzten Arie des Heldentenors, der davongetragen wird vom rauschenden Bravo seiner zahllos zahlenden Verehrer.