"Fischhäckselmaschinen"
In der Ökoszene wachsen die Bedenken gegen Miniwasserkraftwerke
Die Stimmung kippt. Bisher fand wenigstens ein grünes Projekt ungeteilten Zuspruch der grünen Klientel: die Förderung von Ökostrom. Nun ist von "Skandal" und "Katastrophe", von "Wahnsinn" und von "sinnloser Zerstörung" die Rede. Grün macht gegen Grün mobil: Die Basis in den Umwelt- und Naturschutzverbänden muckt auf gegen die Berliner Energiewende - den ganzen Stolz insbesondere der grünen Minister und Parlamentarier. Angelika Zahrnt, die Vorsitzende des BUND (229 000 Mitglieder), hat bereits "eine richtige Protestbewegung" gegen die Unerbittlichkeit ausgemacht, mit der Berlin seit einiger Zeit erneuerbare Energien pusht - koste es, was es wolle.
Von wegen Small is beautiful: Den besonderen Unmut der Naturschützer erregen Miniwasserkraftwerke an den letzten naturnahen Bachläufen des Landes - gefördert mit Geld aus dem rot-grünen Marktanreizprogramm sowie mit einer Strompreisgarantie von 15 Pfennig für jede ins Netz eingespeiste Kilowattstunde. Aber auch die geplanten Megawindparks auf offener See, deren Leistung mit der von Atommeilern vergleichbar ist, wecken den Argwohn mancher Freunde von Fischen und Vögeln: Vor "weit reichenden Konflikten" mit den Belangen des Naturschutzes warnt Björn Schering, Vorsitzender des BUND in Mecklenburg-Vorpommern.
Schering und andere Streiter aus der Ökoszene haben nichts gegen die Ökoenergie - aber gefälligst nicht überall und nicht um jeden Preis. Die rot-grünen Politiker glauben indes, mit ihrem "weltweit engagiertesten Programm zur umfassenden Markteinführung erneuerbarer Energien" ausschließlich Gutes zu tun. "In Deutschland boomen die Investitionen in diese Zukunftsbranche", verkündeten grüne Spitzenpolitiker stolz, als es kürzlich das einjährige Jubiläum des neuen Stromeinspeisegesetzes zu feiern galt. Dabei entstehen längst Kollateralschäden, gerade weil die Förderung so umfassend ist.
Beispiel Wasserkraft: Von den insgesamt sieben Prozent Strom, die hierzulande aus regenerativen Energien erzeugt werden, entfallen rund zwei Drittel auf die Kraft aus dem Wasser
das Gros davon entsteht in wenigen großen Anlagen Süddeutschlands. Die mehr als 5000 Kleinstkraftwerke an Bächen und Flüsschen steuern dagegen fast nichts zum Stromaufkommen bei, können aber für große Umweltschäden sorgen.
Welch groteske Konsequenzen die "Zerstörung im Namen des Umweltschutzes" bereits angenommen hat, berichtet der Naturschutzbund (Nabu) in der jüngsten Ausgabe seiner Mitgliederpostille. Während sich die Wehre der Minikraftwerke wandernden Fischarten als "unüberwindliches Hindernis" in den Weg stellten, erwiesen sich die Turbinen als brutale "Fischhäckselmaschinen". Besonders in manchen sächsischen Flüssen und Bächen - beispielsweise Preßnitz, Flöha, Pockau und Zschopau - reihe sich mittlerweile ein Wasserkraftwerk ans nächste. Flussaale aus dem Vogtland oder Erzgebirge, ohnehin die einzig überlebende Wanderfischart Sachsens, hätten deshalb kaum eine Chance, zum Laichen je die Sargassosee im Atlantik zu erreichen, wohin sie ihr Instinkt treibt. Andererseits versperren Stauwehre den Lachsen, die vor allem dank verbesserter Wasserqualität mittlerweile wieder in der Elbe schwimmen, den Weg zu ihren Laichgebieten im Oberlauf der Zuflüsse. "Es ist dramatisch", sagt Bernd Heinitz, Nabu-Landesgeschäftsführer in Leipzig.
Die meisten Wasserkraftanlagen, die dank opulenter staatlicher Förderung reaktiviert werden, stammen aus frühindustrieller Zeit und dienten einst dazu, die Fließkraft des Wassers für Säge- oder Hammerwerke nutzbar zu machen. Doch wo früher Mühlen an rauschenden Bächen klapperten und noch heute romantische Reminiszenzen wecken, werden inzwischen schnell laufende Turbinen mit großem "Schluckvolumen" (Heinitz) installiert. Ihre Stromausbeute und damit Wirtschaftlichkeit hängt von der Menge des durchgeleiteten Wassers ab.




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