Frédéric Beigbeder ist ein Prophet. Er sagt: "Ich will den Menschen die Augen öffnen." Also sitzt er in möglichst vielen Talkshows und sagt: dass die Macht der Werbung gefährlich ist und dass Tiermehlfutter auch für Fische schädlich ist und dass es nicht gut ist, wenn alle davon träumen, ein noch größeres Auto zu fahren und mit einem Model ins Bett zu gehen.

Womit schon mal geklärt wäre, dass mit "alle" lediglich ein Teil der männlichen Hälfte der Welt gemeint ist. Aber man darf von jemandem, der ein den großen Propheten würdiges Buch geschrieben haben will, nicht erwarten, dass er sich mit perspektivischen Feinheiten aufhält. Es gilt, die Welt zu retten vor der Macht der Konzerne, vor den Marketing-Managern und Werbefritzen - solchen wie Octave Parango, dem Helden von Beigbeders Erfolgsroman. Mit dem Titel 99 Francs (zu Deutsch: 39,90) und der These, dass alles Ware ist oder zur Ware gemacht wird - eben auch die Literatur -, stürmte der bei Grasset verlegte Enthüllungsroman im vorigen Herbst die französischen Bestsellerlisten und Feuilletonseiten. Er gelangte sogar auf die Vorschlagsliste für den Prix Goncourt.

In Frankreich ist die Anfälligkeit für öffentlichen und literarischen Moralismus freilich breiter gestreut als bei uns. Während hierzulande der deutsche Faschismus das zentrale moralische Reizthema bleibt, wird in Frankreich die Empfindlichkeit für Verfehlungen und Verbrechen des globalen Kapitalismus weitaus mehr gepflegt. Beigbeder ist diesbezüglich ein Insider.

Zehn Jahre hat er als Werbetexter gearbeitet und einen Haufen Geld verdient, aber nebenbei eben auch ein paar Bücher geschrieben. Literaturkritiker ist er außerdem in Radio, TV und Print - eine unwiderstehliche Mischung, wenn es darum geht, tief schürfende Weisheiten gratis und in großem Stil zu verbreiten: "Glückliche Menschen konsumieren nicht."

Ganz so begabt wie Frédéric der Prophet ist Octave Parango, das Alter Ego des Autors im Roman, zwar nicht

dafür kokst er ein bisschen mehr, als dem Verstand dienlich ist. Aber ein Buch schreibt er auch: einen Enthüllungsroman über die Werbebranche und speziell die Firma Rossery & Witchcraft (im wahren Leben Young & Rubicam, wo Beigbeder arbeitete und kurz vor Erscheinen des Buches termingerecht gefeuert wurde). Darin geht es um die moralischen und ästhetischen Defizite der Kollegen, die künstlerische Ignoranz des Auftraggebers Madone (im Leben: Danone) und um die Schuld der amerikanischen Rentner, für deren Shareholder-Values die europäischen Arbeitnehmer auf dem Altar der Rendite geopfert werden. Parango, der Rächer der Entrechteten, macht sie fertig. Die dummen und faschistoiden Manager und die exzentrischen, sadistischen, zynischen, perversen, drogensüchtigen megalomanischen, überbezahlten et cetera Werber erledigt er lediglich mit hohem Aufwand an Vokabular, was immerhin recht unterhaltsam zu lesen ist. Eine wohlhabende Rentnerin in Florida dagegen bringt er gemeinsam mit seinem Kollegen und seiner Lieblingsnutte im revolutionären Eifer einer Werbespotdrehpause tatsächlich um die Ecke. Am Ende des Romans siecht er dann, verurteilt wegen Mordes, im Gefängnis langsam an der Tuberkulose dahin und hat gerade noch Zeit, sein Buch fertig zu schreiben.

Vom Kotzbrocken zur Kameliendame: Beigbeder kennt seine drei Metiers. Leider ist Octave Parango als Kotzbrocken sehr viel interessanter denn als Moralist.

Wenn er im Kokainrausch Gedichte von Houellebecq (Beigbeders Vorbild) vor sich hin nuschelt, über das Glück und die Liebe zu philosophieren beginnt, sollte man lieber den Tisch wechseln. Beeindruckend ist der Roman nur dann, wenn dem Protagonisten wie dem Autor der Gaul durchgeht - respektive der 321 Pferde starke Z3 Roaster von BMW - und die beiden ungebremst im Größenwahn dahindonnern: "Ich entscheide heute, was Sie morgen wollen." Der Roman als Werbetext für sich selbst, das ist immerhin etwas Neues. "Ich caste die Models, von denen Sie in sechs Monaten einen Ständer kriegen." Das ist ein Vorsprung, den nicht einmal Henry Miller für sich in Anspruch nehmen konnte.

Man nennt solche Sätze, belehrt uns Beigbeder, heutzutage nicht mehr Slogan, sondern Baseline. Sie funktionieren übrigens nicht nur sexuell, sondern auch politisch. "Die 68er haben mit der Revolution angefangen und sind dann in die Werbung gegangen - ich wollte es umgekehrt machen." Die Idee war nicht schlecht, zumal wenn das In-die-Revolution-Gehen darin besteht, im Fernsehen gegen Geld laut "Pfui Teufel" zu sagen. Nicht umsonst ist der mediale Hype um Beigbeder linken Publizisten etwa von der Libération oder vom Canard enchaîné ein Dorn im Auge. Die koketten Bußübungen des Aussteigers nämlich klingen weder angemessen bescheiden noch besonders glaubhaft, auch wenn er im Zweifelsfall zum Bibelspruch greift, um den reuigen Sünder zu geben.

Ähnlich wie Michel Houellebecq, der mit höchst anschaulicher Kritik an der permissiven Konsumgesellschaft vom Standpunkt desjenigen, der immer zu wenig Frauen abkriegt, zum Popstar avancierte, hat Beigbeder mit seiner Marketingstrategie für das Produkt Beigbeder als ebenso genialer wie verdorbener poète maudit einen Treffer gelandet. Der ehemalige Texter für Wonderbra verkauft sich nun mit durchschlagendem Erfolg als Apokalypse: "Diese Zivilisation beruht auf Wünschen, die du weckst. Sie wird daran zugrunde gehen." Wer's nicht glaubt und den Roman unbedingt zu Ende lesen will, der bekommt noch ausführlich erzählt, wie sich die Reichen in einem künstlichen Paradies, das sie nach ihrem angeblichen Tod exklusiv bewohnen, fühlen: schlecht. Ganz, ganz schlecht.

Frédéric Beigbeder: 39,90

Roman

aus dem Französischen von Brigitte Grosse

Rowohlt Verlag, Reinbek 2001

272 S., 39,90 DM