Blutige Ouvertüre

Lemberg, 30. Juni 1941: Mit dem Einmarsch der Wehrmachttruppen beginnt der Judenmord von Hannes Heer. Der Autor ist Historiker und Publizist und lebt in Hamburg

Im Morgengrauen des 22. Juni 1941 überschreiten die Truppen der deutschen Wehrmacht ohne Kriegserklärung die Grenzen der Sowjetunion - drei Millionen Mann unter Waffen. Den Gegner überrumpelnd, sollen die Armeen ohne Halt weit ins Innere des Landes vordringen, die gegnerischen Kräfte durch großräumige Kesselschlachten möglichst schon in Grenznähe vernichten und die Herrschaft des Bolschewismus unter der Wirkung dieses Schocks zum Einsturz bringen. Den Hauptstoß, mit 60 Infanterie- und Panzerdivisionen, hat die Heeresgruppe Mitte zu führen: Moskau soll als Erstes fallen. Mit weit geringeren Kräften ausgestattet, würden die Heeresgruppen Nord und Süd Leningrad und Kiew, die beiden anderen Metropolen des Sowjetreichs, in raschem Vorstoß einnehmen. Doch der Plan misslingt.

Im Südabschnitt kommt der Blitzkrieg schon in den ersten Tagen zum Stehen. Durch geschickte Verteidigung, vor allem im Raum um die galizische Stadt Lemberg, wird die Absicht der Deutschen vereitelt, die sowjetischen Verbände schon westlich des Dnjepr auszuschalten. Erst als die Rote Armee am 27. Juni überraschend zurückweicht, kann der Vormarsch fortgesetzt werden. Der Angriff auf Lemberg ist für den 30. Juni befohlen.

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Das Zentrum Galiziens galt seit den Zeiten Habsburgs als östlichste Stadt Mitteleuropas - ein Ort vieler Kulturen und Konfessionen. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zerbrach diese glückliche Symbiose; Lemberg verwandelte sich in einen Schauplatz erbitterter Kämpfe zwischen der polnischen Mehrheit und den nach Unabhängigkeit strebenden Ukrainern. Die Leidtragenden waren die Juden: Sie wurden von beiden Seiten verdächtigt, national unzuverlässig zu sein. Ihre Lage verdüsterte sich, als Galizien durch den Hitler-Stalin-Pakt im Herbst 1939 sowjetisch wurde. Obwohl die Besatzer engagierte Zionisten, wohlhabende jüdische Bürger und die zahlreichen Flüchtlinge aus dem deutsch besetzten Polen verfolgten und deportierten, sind die Juden für viele ihrer christlichen Nachbarn Sympathisanten und Kollaborateure der Kommunisten. Als die deutschen Truppen sich zum Angriff auf Lemberg anschicken, leben dort etwa 160 000 Polen, 150 000 Juden und 50 000 Ukrainer.

Antreten zum Spießrutenlaufen

In den ersten Stunden des 30. Juni besetzen Einheiten der 1. Gebirgsdivision und des "Lehrregiments z. b. V. 800", dem ein Bataillon Ukrainer angegliedert ist, die Stadt, ohne auf Widerstand zu stoßen; um 4. 20 Uhr weht von Lembergs Zitadelle die Reichskriegsflagge. Am Morgen um 8. 30 Uhr nimmt Oberst Karl Wintergerst, Kommandeur des Artilleriekommandos 132, seine Tätigkeit als Stadtkommandant auf.

In den drei Gefängnissen Lembergs hat das Bataillon 800 derweil einen grausigen Fund gemacht: Alle Insassen sind ermordet. Die ursprüngliche Absicht des sowjetischen Geheimdienstes NKWD, die 4000 Häftlinge zu evakuieren, war durch den raschen Vormarsch der deutschen Truppen, fehlende Transportmittel und einen Aufstand ukrainischer Nationalisten vereitelt worden. Die Leichen liegen in den Zellen übereinander gestapelt oder in Massengräbern notdürftig verscharrt. Todesursache: Genickschuss. Einige der Toten tragen Zeichen der Folter und sind, wie die herbeibestellten Gerichtsmediziner gleich feststellen, seltsamerweise verstümmelt.

Wenige Stunden später ist Lemberg zum Schauplatz wüster Ausschreitungen geworden. Das Kriegstagebuch des 49. Armeekorps notiert: "Unter der Bevölkerung herrscht über die Schandtaten der Bolschewisten rasende Erbitterung, die sich gegenüber den in der Stadt lebenden Juden, die mit den Bolschewisten zusammengearbeitet haben, Luft macht." Und ein Offizier der Stadtkommandantur schreibt über den ersten Tag der Besetzung an seine Frau: "Juden werden erschlagen - leichte Pogromstimmung [,] so unter den Ukrainern."

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  • Schlagworte Weltkrieg | Nationalsozialismus | Wehrmacht | Widerstand
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