O P E R Genialer Erstling

Die späte Uraufführung von Franz Schrekers Oper "Flammen" in Kiel

Wenn Archäologen oder Opernintendanten versunkene Werke ans Licht holen, müssen meist Lücken gefüllt werden in Mauerwerk und Partitur, Sandschichten müssen abgetragen, alte Sprachen neu verstanden werden. Diesmal war es anders. Da stand ein kleiner Palast unversehrt und schlüsselfertig in der Landschaft, aber keiner ging hin.

Flammen? Nie gehört. So heißt Franz Schrekers erste Oper, vor nicht mal hundert Jahren komponiert, in Wien konzertant mit Klavier uraufgeführt, dann als Gesellenstück in den Schatten der großen Erfolge Schrekers geraten, des Fernen Klanges und der Gezeichneten, schließlich mit ihnen untergegangen im Vernichtungsrausch der Nationalsozialisten. Schreker ist seither selbst ein Gezeichneter, einer, den wir kaum anders als Opfer und tragische Gestalt wahrnehmen können. Zwar hat man ihn in den vergangenen zwanzig Jahren wiederentdeckt als großen Mann der Weimarer Republik, als Anreger Alban Bergs, als Lehrer von Ernst Krenek und Berthold Goldschmidt, auf Bühnen rehabilitiert, auf CDs dokumentiert. Und doch blieb da immer so ein Mitleid, ja, eine Herablassung, als sei Schreker selbst der gescheiterte Künstler seiner Oper Der Ferne Klang. Sein Ruhm zu Lebzeiten ließ schon nach, bevor braune Störtrupps Aufführungen seiner Opern verhinderten, bevor er 1932 und 1933 gleich zwei hohe Lehrämter in Berlin verlor und daraufhin einem Herzinfarkt erlag.

Das Herz brach wohl nicht nur, weil man ihn, nach großer Karriere, nun einen "jüdischen Vielschreiber" nannte, einen komponierenden "Sexualpathologen", sondern weil die jähe Verarmung ihn in seine Anfänge zurückstürzen ließ, als er noch Schrecker hieß, der in Monte Carlo geborene Sohn eines glücklosen Schickeriafotografen. Diese Herkunft wendete noch 1959 Adorno grausam gegen den Komponisten, an dem er Versatzstückhaftes monierte, Klischees, das "Als-ob", das Adorno an Fotografie wie Jazz verachtete. "Der Beruf von Schrekers Vater wäre der wahre Titel der Oper, die er nie hat schreiben können: Der Photograph von Monte Carlo." Treffer, versenkt.

Selbst Schrekers "Comeback" in den Achtzigern scheint wie unter Vorbehalt stattgefunden zu haben. Man würdigte den progressiven Klangmonteur, der von Strauss schon auf Olivier Messiaen vorausweist, der bürgerliche Opulenzgelüste mit modernen Schnitttechniken vereint, doch die Bilanz ähnelt einem "Gut, dass wir mal drüber gesprochen haben".

Haben wir? Wissen wir, wie Schreker anfing, haben wir ihn je an seinem Beginn gemessen und damit an sich selbst? Genau das ermöglichen die Flammen, eine Partitur des 23-Jährigen, die im Kieler Opernhaus jetzt szenisch uraufgeführt worden ist. Man hört da keinen jugendlichen Tastversuch. Es ist ein genialer Erstling. Vom ersten nachtschwarzen Kontrabasston bis zum metallisch strahlenden Schluss entfaltet sich, eineinhalb Stunden lang, ein Einakter von solcher Spannung, Dichte, Fantasie, Tiefe und Eigenständigkeit, dass man jeden Ton verschlingt. Das Vokabular der Klänge ist uns vertraut, die Sprache aber in sich neu und vollkommen unverbraucht.

Funkelnde Abgründe

Es geht um Liebe, Angst und Tod, um Eros und Tabu, was zur Jahrhundertwende nicht nur Sigmund Freud interessierte, um die Frau im Ehegefängnis. In Dora Leens Libretto schärft ein Kreuzritter, bevor er gen Jerusalem reist, seiner Gattin ein: Sollte sie sich anderweitig verlieben, werde er, der Gemahl, nach der Rückkehr an ihrem ersten Kuss sterben. Woraufhin sie, beobachtet von Schwägerin und Dienerin, dem Minnesang eines durchreisenden Barden lauscht, ihm nach einigem Zögern erliegt und sich dann selbst für ihren Seitensprung aus dem Ehegefängnis bestraft, um den Gemahl zu retten: Ehe der heimgekehrte Krieger sie küssen kann, trinkt sie Gift und stirbt.

Während die Librettistin das in schnörkelreiche Märchensprache umsetzt, erschließt Schreker funkelnde, leuchtende Abgründe in einer eigentümlichen Mischung aus Sinnlichkeit und Präzision. Auch wenn sich seine Linien in Wagners Nähe bilden, ebenso wie manche theaterwirksame Steigerungstechnik, wollen sie nicht nur berauschen. Schon zu Beginn werden ins hochbrodelnde Geschehen verkappt bitonale Bläserakkorde wie Fenster eingesetzt, eine zweite Ebene wird bemerkbar. Immer da, wo in hochromantischer Harmonik, mit Puccini-Oktaven, mit sich aufwölbendem Klang die Musik ganz mit dem Gefühl identisch werden könnte, dem sie folgt, gerät etwas Kristallines ins Geschehen. Der Sog, den man bis zum letzten Ton spürt, ist einerseits der einer tragischen Leidenschaft, genauso aber einer der Abstraktion, wie man sie mitunter auch in Debussys Pelléas et Melisande erleben kann, wenn er die Seele bis auf ihren mineralischen Grund durchleuchtet. Eine Spaltung ist in dieser Musik, ohne doch die Musik zu spalten. Dafür ist diese Partitur zu komprimiert. Während Schreker später seiner Klangfantasie noch weiteren Auslauf gewährte, offener die Gespaltenheit zeigte, seine Opern aber auch etwas Wucherndes bekamen, ist er in den Flammen von einer Stringenz, die es mit Schönbergs Erwartung aufnehmen kann, mit Bartóks Herzog Blaubarts Burg. Und er schreibt dabei für Sänger, als hätte er nie anderes getan.

Sie können sich, obwohl eng ins Instrumentale integriert, als Persönlichkeiten entfalten, was in Kiel vor allem der "Sänger", Robert Chafin, mit bemerkenswert gut fokussiertem, geschmeidigem Tenor und deutlicher Aussprache tut. Seine Präsenz macht die Handgreiflichkeiten, die ihm Regisseur Markus Bothe auferlegt hat, eigentlich überflüssig. Es ist eine Inszenierung mit didaktischen Zügen, die überall da, wo Schreker Gefühle ins Abstrakte geraten lässt, das Geschehen psychologisch verorten will. Glatzköpfig muss der Chor zeigen, wie gleichgeschaltet es beim Fürsten zugeht, und wenn der Barde brutal die Kerze löscht, die die Fürstin trägt, weiß man allzu gut: Damit löscht er seinen Rivalen aus. Andererseits findet man sich in diesen Bildern rasch zurecht, was für eine Uraufführung durchaus praktisch ist, die Drehbühne (Robert Schweer) rotiert sinnvoll zwischen grauer Pflicht und goldener Neigung, die Personenregie ist solide, hätte aber von Manuela Uhls Fürstin mehr als nur die großäugige Opferrolle verlangen sollen.

Doch ihr gelingen, wie allen sechs Solisten, Töne, die sich weit über dem Mittelmaß einprägen, und das Kieler Orchester ist phänomenal. Ulrich Windfuhr hat seine Musiker nicht nur exzellent vorbereitet, sondern so dirigiert, als hinge von diesem Abend Schrekers weiteres Schicksal ab. Und so ist es ja auch. Denn im Licht der Flammen wirkt Schreker nicht mehr wie einer, der es nur mühsam nach oben geschafft hat und nie so ganz zu sich kam. Oben war er früh, nur wusste es keiner, und die Spaltungen der Moderne hat er in seinem Erstling ein letztes Mal mit romantischem Selbstvertrauen gebändigt, in diesem kleinen Palast, zu dem so lange keiner hingegangen ist.

 
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