Die Ursonate (eigentlich: Sonate in Urlauten) ist ein Lautgedicht mit Tonfolgen wie zum Beispiel "Rinnzekete bee bee nnz rrk müüüü, ziiuu ennze ziiuu", an dem Schwitters vor allem in den Jahren 1922 und 1923 arbeitete und an dem er bis 1932 immer wieder herumfeilte. Im Mai 1932 nahm er selbst eine Tonfassung auf, auf der man den Schöpfer knarren, pfeifen, zischen und trillern hören kann.

Müller, der sich seit Jahren intensiv mit Singvögeln beschäftigt, konnte es selbst kaum glauben, als er im Juni 1997 erstmals die Stare von Hjertøya singen hörte. "Zum Glück hatte ich ein Aufnahmegerät dabei", sagt der Künstler, "und konnte als Beleg den Gesang mitschneiden."

Eigentlich war Müller auf die kleine Insel im Molde-Fjord gereist, um nach den Überresten der Hütte zu suchen, in der Schwitters regelmäßig seine Sommer verbrachte. Die winzige Behausung, die mal als Stall, mal als 300 Jahre alte Schmiede bezeichnet wird, kann aufgrund der typisch Schwitterschen Ausgestaltung mit Collagen, Gipssäulen, Nischen und Schnitzereien als kleinster bekannter Merz-Bau gelten. Leider hatte sich jahrzehntelang niemand um den Ort gekümmert, sodass Müller mit seiner Kamera vor allem den desolaten Zustand dokumentierte.

Im vergangenen Jahr schließlich konzipierte der Künstler für die Berliner Galerie Katze 5 eine Ausstellung mit dem Titel Hausmusik - Stare auf Hjertøya singen Kurt Schwitters, wo nicht nur die Fotografien von Schwitters' Hütte zu sehen waren, sondern auch die Starengesänge auf CD präsentiert wurden. Daraufhin erhielt Müller einen Brief von der Kiepenheuer Bühnenvertriebs GmbH, die im Namen des DuMont-Verlags das Werk von Schwitters vertritt, worin es hieß: "Per Zufall haben wir durch einen Zeitungsartikel von Ihrer CD-Produktion erfahren, auf der Sie ... mit dem Geschrei von Vögeln - so die Angabe - die Ursonate des dadaistisch inspirierten Künstlers Kurt Schwitters intonieren." Es folgte die Bitte, dem Rechteinhaber mitzuteilen, von wem er "die Genehmigung hierzu erhalten habe, damit wir der Sache nachgehen können".

Nun muss man wissen, dass bis heute nicht vollständig enträtselt ist, wie Vögel denn nun eigentlich das Singen lernen. Fest steht allerdings, dass Nachahmung und beständiges Üben eine zentrale Rolle spielen. Dabei gehören Stare zu den begabtesten Vögeln. Erst kürzlich soll ein Däne einen Star in seinem Garten auf den Namen Nokia getauft haben, weil der Vogel das Handyklingeln so täuschend echt zu imitieren vermochte.

Was nun Schwitters, seine Ursonate und die Stare von Hjertøya angeht, so gibt es mehrere Augenzeugenberichte, die Schwitters' Begeisterung fürs Rezitieren auch jenseits der Bühne dokumentieren. So kolportiert der mit Schwitters befreundete Dadaist Hans Arp: "In der Krone einer alten Kiefer am Strande von Wyk auf Föhr hörte ich Schwitters jeden Morgen seine Lautsonate üben. Er zischte, sauste, zirpte, flötete, gurrte, buchstabierte." Es wäre also durchaus möglich, dass Schwitters auch auf Hjertøya lautstark rezitiert - und damit die Stare beeindruckt hat.

In seinem Antwortschreiben an den Kiepenheuer-Bühnenverlag beteuert Wolfgang Müller, er habe niemals den Plan gehegt, die Ursonate mit dem "Geschrei von Vögeln" zu intonieren, da er "so etwas auch für ausgesprochen peinlich hielte". Außerdem habe er von der Gema eine Sondergenehmigung erhalten, die CD-Produktion unter der Rubrik "Naturgeräusche" anzumelden, da es sich um Vogelstimmenaufnahmen und nicht um eine Komposition von ihm handele.

Auseinandersetzungen der absonderlichen Art sind nichts Neues für Wolfgang Müller. 1994 zum Beispiel wurde ihm von der tageszeitung unterstellt, italienische Feinkosthändler mit Blaumeisen zu beliefern. Die Presse stürzte sich auf Müller, der in einer Schlagzeile gar als Der Meisen-Schlächter von Kreuzberg diffamiert wurde. Dabei würde ihm nicht einmal im Traum einfallen, das putzige Federvieh, das vor seinem Küchenfenster nistet, ans Messer zu liefern. Schließlich ist er ein erklärter Freund der Blaumeise und hat 1998 sogar ein Buch über den possierlichen Singvogel geschrieben.

Aber können Tiere überhaupt das Urheberrecht verletzen? Beim Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Patent-, Urheber- und Wettbewerbsrecht in München ist man sich nicht so ganz sicher. Dazu müsse man, sagt der Urheberrechtsexperte Paul Katzenberger, die folgende Kausalität akzeptieren: Die Stare haben Schwitters die Ursonate abgelauscht und sie dann über Generationen hinweg von Star zu Star weitergegeben. Die Müllersche Aufnahme wäre dann eine Einspielung der Ursonate über den Umweg der Stare und könnte damit durchaus eine Urheberrechtsverletzung darstellen. Anders würde es dagegen aussehen, wenn Schwitters bei der Komposition der Ursonate seinerseits Elemente von Staren- und anderem Vogelgesang verwendet hätte, worauf es übrigens starke Hinweise gibt - man denke nur an Schwitters' Lautgedicht Obervogelgesang.

Inzwischen hat sich das Haus Kiepenheuer aus der Affäre gezogen, indem es sich die Müllersche Sicht der Dinge zu Eigen gemacht hat und davon ausgeht, dass es sich bei den Starengesängen um in der Natur vorgefundenes Material handelt. Im Klartext heißt das: Stare und andere stimmbegabte Tiere dürfen Schwitters nach Herzenslust intonieren, und wer will, darf davon Aufnahmen anfertigen und unters Volk brin- gen. Was aber, wenn jemand seinem Papagei die Ursonate beibringt? Solange keine Grundsatzentscheidung zum Thema Tiere und Urheberrecht vorliegt, würde Paul Katzenberger aus urheberrechtlicher Sicht davon abraten. Man könnte sich ungewollt schuldig machen.