Was ist dies für ein Land, in dem ein Buch mit dem Titel Die deutsche Mutter erscheint und man sofort spürt: Das ist unfreundlich gemeint. Kein trügerisches Gefühl: Die Autorin Barbara Vinken, Professorin für Romanistik an der Universität Hamburg und laut Klappentext Mutter eines Kindes, hat ein Pamphlet geschrieben, eine Kritik der praktizierten Mütterlichkeit zwischen Rosenheim, Wuppertal und Kiel. Eine Schrift, die Frauen, welche hauptberuflich Kinder erziehen, als Opfer einer Verblendung vorführt, zu Mitläuferinnen einer verführerischen Ideologie erklärt, in der Hitlers Wahn nur ein Gift unter vielen anderen bösen Giften ist. Einfach alles geschluckt, diese Weiber! Selten sahen Mütter so dumm aus wie in diesem Buch. Weil sie in der Masse zu Hause bleiben und sich um ihre Kinder kümmern, statt sich in der Arbeitswelt nach vorn zu boxen.

Wie ist es bloß um das Selbstverständnis von Frauen in diesem Land bestellt, wenn so ein Buch dann in der Buchhandlung neben einem Band zu liegen kommt wie dem von Ulrike Horn: Neue Mütter hat das Land, Untertitel Selbstbewusst und gleichberechtigt, das geradezu verzweifelt die von Vinken gescholtene ubiquitäre Mütterlichkeit anpreist, als ginge es darum, ihr einen Platz auf der Liste der bedrohten Arten zu erkämpfen? Ulrike Horn, Journalistin und vorgeblich Vollzeitmutter mit drei Kindern (wenn auch verräterischerweise Autorin eines Buches von 200 Seiten inklusive bibliografischem Anhang), hat als Feindbild genau die Frauen, die sich in der Arbeitswelt nach vorn geboxt haben und die sie abfällig "Powerfrauen" nennt. Abends erscheinen sie ihr auf dem Fernsehschirm und lächeln, wohl über Frauen wie sie, Hausfrauenmuttis. Ob sie weiß, dass gerade fünf Prozent der Mütter von Kleinkindern ganztägig berufstätig sind?

Frauen treten gegen Frauen an. Es ist ein unerfreuliches Gerangel, nicht nur auf dem Büchermarkt, weshalb es der Aufmerksamkeit empfohlen werden muss. Es bricht auf gemeinste Weise selbst zwischen Freundinnen aus. Wer steht wo?

Sind Frauen, die gebären, Teilmenge eines wabbeligen Mutterkuchens?

Bitte, ich bekenne: Ich bin eine Mutter in Deutschland. Aber bin ich deshalb schon eine deutsche Mutter? Könnte es sein, dass die letzte Presswehe mich mitsamt Kind in ein Land verschoben hat, in dem Frauen einfach so aufs Nationale reduziert werden dürfen, weil Gebärende schon pränatal geprägt wurden durch Traktate wie Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind von Johanna Haarer, Berlin zur Nazizeit, das aus Frauen Handlanger des großen Verführers machte? Sollten Frauen, die gelegentlich der Verhütung entsagten, deshalb Teilmenge eines wabbeligen Mutterkuchens sein?

Geht es darum, Müttern Vorhaltungen zu machen, Frauen mit Kindern abzukanzeln, als seien sie selber Kinder, ist die Wahl der Argumente selten pingelig. Barbara Vinken, die sich mit Studien über die Mode und über Pornografie einen Namen gemacht hat, holt weit aus, es gibt ja auch vieles, was sich aufdrängt. Dieser Zwang, mit der Geburt eines Kindes das weibliche Leben komplett umzuschreiben! Verdienstunterschiede zwischen Frauen und Männern: eine Katastrophe! In der karriererelevanten Zeit, schreibt Vinken, seien noch nicht einmal 15 Prozent der Mütter vollzeiterwerbstätig. Auch von Familienpolitik lesen wir, die Eheformen fördert statt Kinder und die Arbeitsplätze von Männern gegen weibliche Konkurrenz absichert. Aber im Kern geht es Vinken um Ideologiekritik. Die Rede ist von einer "selbstgewählten Ohnmacht" der Frauen. In langen Kapiteln, hinter denen ganze Hauptseminarreihen aufscheinen, von Luther über Königin Luise von Preußen bis zum Lebensborn der Nazis, webt Vinken ein Netz der Bezüge, das sie dann das protestantisch begründete "Dogma der deutschen Mutter" nennt. Unterworfen, erdig, selbstgerecht. Vinken präsentiert ein Gewebe aus mysogynen Sprüchen und Anspielungen, das mit der Geste der Wissenschaftlichkeit unterfüttert ist, autoritätsversteifend sozusagen. Ihre Forderung: "Unseren Kindern sollten wir deutsche Mütter ersparen ..."

Luther schreibt über die Geburt: "Denn hier ist Gottes Wort, das dich also geschaffen, solche Not in dir gepflanzet hat." Jean-Jacques Rousseau hasste schöngeistige Frauen und empfahl das Stillen. Johann Heinrich Pestalozzi forderte von der Mutter den Schutz des Kindes vor der bösen Welt. Na und?, ist man verführt zu sagen. Wer sonst hätte sich für die Sorge um Kinder hergegeben? Der Roman Wunschkind von Ina Seidel, 1930 erschienen, dient Vinken als Höhepunkt einer üblen Traditionslinie - "ist vielleicht das Buch der deutschen Mutter, ihr Programm". Ein Werk, meint sie, das ein "Phantasma der liebenden, unpolitischen, friedfertigen, hingegeben leidenden Mütterlichkeit" zementierte. Wie bitte? Warum sollte es in unseren Köpfen tiefere Spuren hinterlassen haben als die Lektüre der verwegenen Bettine von Arnim, immerhin vielfache Mutter, von Simone de Beauvoirs Bestseller Das andere Geschlecht, warum sollte es wichtiger sein als Noras Auszug aus dem Puppenhaus?