Vor etwa siebzig Jahren hat Egon Friedell in einem satirischen Feuilleton die Frage "Ist die Erde bewohnt?" gestellt und sie von Gelehrten auf dem innersten Planeten des Sternenpaars Cygni verneinen lassen: "Auf einem sauerstoffverpesteten, in blitzschneller Rotation befindlichen Ball" könnten Lebewesen allenfalls nur einen Augenblick existieren, "denn im nächsten wären sie bereits an Lichthunger elend zugrunde gegangen." Wie eine späte bestätigende Nachricht an die Außerirdischen im Umkreis des Schwans kommt jetzt ein Short-Story-Band des Amerikaners Scott Bradfield nicht nur, weil die letzte dieser Erzählungen Grüße von der Erde heißt, sondern weil die ironische Skepsis Friedells in einen ekstatischen Sarkasmus verwandelt und die negative Antwort jetzt vom Planeten selbst erteilt wird: Nein, die Erde ist nicht bewohnt, nicht wirklich bewohnbar. Selbst unter der Sonne Kaliforniens, selbst im Neonmeer der Leuchtreklame gehen die Leute an Lichtmangel unter und basteln sich Atombunker als höhlenartige Refugien: "Da unten. Da unten. Kröten hüpfen. Schlangen gleiten. Spinnen flitzen und krabbeln. Das Mondlicht redet, und die dunkle Erde lauscht ... Versunkene Städte, Länder, Landschaften und Sterne. Zischende Flüsse und dampfende Wälder. Ganze Welten dort unten, Welten und Wörter."

Wie auf dem eiskalten Mond Es ist ein sprachbehindertes Kind mit Namen Stella (!), ein mit kognitiver Aphasie geschlagenes Geschöpf, dem Bradfield die Stimme leiht, den Ausdruck stummer Explosionen. Denn Welten und Wörter gehören zusammen, und wer die einen nicht hat, kann in den anderen nicht leben. Es ist ein Expressionismus der Solidarität, der so entsteht, weitab von der Eleganz der traditionellen amerikanischen Short Story. Auch die junge Frau Sandra ist in gewissem Sinn sprachlos sie holt sich ihre Wörterwelten aus den Hochglanzmagazinen, die sie in der Stadtbibliothek findet "die Sinnlichkeit von Samtvelours" macht ihr Vergnügen oder eine Formulierung wie "unzweifelhaft der Beste" (die auch zum Titel des deutschen Bandes wurde) die Virtualität der Werbung wird zum Kosmos außerhalb der realen, konkreten, korrupten Welt, die immer mehr versinkt in Verwahrlosung, Versteppung, Ödnis und in der auch die Mütter keine Kraft mehr haben: "Und nun komm, mach mir mein Abendessen. Ich weiß gar nicht, wann ich zuletzt was Anständiges zu essen bekommen habe, auf dieser Müllkippe."

Eben damit lässt sich die Erdbeobachtung Bradfields in einer Wendung fassen: Bei ihm steht nicht mehr alles auf der Kippe, sondern es ist schon dort gelandet. Vermüllung der Landschaft und der Gesellschaft. Liebe wie im Videoclip Freundschaften als Schrecksekunden: rasant und trostlos. Und es gehen nicht nur dauernd Menschen vor die Hunde, sondern auch Hunde vor die Menschen. Zum Beispiel Dazzle, der seiner Peinigerfamilie endlich entkommt und nun wie ein Fabeltier vor sich hin träumen darf: "Er wußte noch, wie er als Welpe mit seinem Kauspielzeug im weichen Gras des Gartens gelegen und sie betrachtet hatte: Orion, Taurus, Hydra, die Plejaden ... Die Ferne der Dinge und die Fülle des Raums waren ehrfurchtgebietend ... Als Dazzle größer wurde, wurde dieses ehrfurchtgebietende Universum immer kleiner, bis es ihn ganz umschloss."

Es sind apokalyptische Szenerien, die Scott Bradfield entwirft, schemenhafte Episoden, in denen dennoch ein außerordentliches, fast steinbecksches Pathos vibriert. Die Früchte des Zorns sind aber nun nicht mehr (an)greifbar, sondern schimärisch geworden. Wie die Vorstellung des hobbywerkelnden Roger, die Welt werde demnächst "in ein gewaltiges petrochemisches Lagerhaus" verwandelt, in ein Reservoir für Lebensformen aus der 16. Dimension. Besser hat es da seine Frau, die sich aufs "Abheben" kapriziert, auf den Sehnsuchts-Drive, Hausfrauentrott und ramponierte Köperlichkeit hinter sich zu lassen und in kosmischer Einsamkeit als Astralleib dem ganzen Schlamassel zu entkommen: "Ich fliege durchs Weltall wie ein wunderschöner Engel und gehe spazieren auf dem eiskalten Mond. Draußen sind die Straßen finster und leer, ich spüre das Dröhnen des Motors unter mir, und es kommt mir vor, als gäbe es keinen Menschen mehr auf der ganzen Welt."

Bradfields melancholisch-eisige Botschaft: So sehr dürfte sie sich damit nicht getäuscht haben.

* Scott Bradfield: Unzweifelhaft der Beste Erzählungen aus dem Englischen von Manfred Allié Ammann Verlag, Zürich 2001 258 S., 39,80 DM