Im ersten Stockwerk des Reichstagsgebäudes, dem Berliner Tiergarten zugewandt, öffnet sich eine schwere Holztür zur oikumenischen Andachtskammer des Deutschen Bundestags. Der von dem Bildhauer und Maler Günther Uecker gestaltete Raum verschönert mit seinen tausendfach verwendeten Kreuzesnägeln den Foltertod Christi zu einem ästhetischen Ereignis. Unter allen anderen Auftragswerken des parlamentarischen Kunstbeirats ist Ueckers sakrales Werk der einzige Hinweis im Reichstag auf die Namensnennung Gottes in der Präambel des Grundgesetzes: "Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen ... hat sich das Deutsche Volk" eine Verfassung gegeben.

Die Abwesenheit Gottes, der allgemeine Verzicht auf theologische Argumente in unserer säkularen Debatte um Leben und Tod im Licht der medizinischen Forschung, um Embryonenschutz, Biogenetik, Stammzellennutzung und Präimplantationsdiagnostik markiert eine peinliche Argumentationslücke.

Niemand vermag logisch zu beweisen, warum eine Ansammlung mikroskopisch winziger embryonaler Zellen als Mensch zu gelten habe, es sei denn, wir erhöben die Potenzialität des Embryos, ein ganzer Mensch zu werden, mit rational nicht widerlegbaren, also Glaubensargumenten in den Stand unantastbarer und absoluter Menschenwürde. Erst dann stünde der Embryo unter dem Schutz von Artikel 2 des Grundgesetzes: "Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit."

Die legislative Entscheidung, den Embryo dennoch als Mensch - ohne Rückgriff auf religiös begründete Normen - zu würdigen, liegt im Embryonenschutzgesetz vor. Sie ist aber ohne Rückgriff auf ebenjene Normen nicht überzeugender zu begründen als ihre halbwegs logische, nach der parlamentarischen Abtreibungsdebatte zum widersprüchlichen Gesetz gewordene Widerlegung.

Letztere beruht auf der ebenfalls zerbrechlichen Annahme, dass rechtens sei, was Common Sense und gesellschaftliche Faktizität längst diktiert haben, das heißt die öffentliche Hinnahme von inzwischen mehr als 130 000 Abtreibungen, also Embryotötungen, pro Jahr in Deutschland zum leiblichen und seelischen Wohl der Frauen.

Die Argumentationslücke - was konstituiert und begründet im 21. Jahrhundert unwiderlegbar Menschlichkeit, genauer: was gebührt dem einzelnen Menschenleben und seiner Gattung mehr als seine leibliche Unantastbarkeit? -

wird derzeit geschlossen von unbeirrbaren Bischöfen und melancholischen Kardinälen: Sie sind Grenzexperten für den Übergang vom Erforschbaren zum Nichterforschbaren. Die Mehrheit der Bevölkerung und der Politiker scheint aber nicht bereit, ihnen in die Geheimnisse des Glaubens zu folgen. Und doch wäre es närrisch, sich abzuwenden von der Ernsthaftigkeit der frommen Einwände