Wenn die Biomedizin zurzeit fast alleiniges Vorschlagsrecht für ethische Diskussionen hat, könnte das auch daran liegen, dass sich Sozialpädagogen zu viel mit Normalität beschäftigt haben und Kulturwissenschaftler zu wenig.

Denn wie entstehen Normen? Worauf gründen Menschenbilder? Welche Alternativen hat Normalisierung? Was die Biowissenschaften voraussetzen, ist historisch höchst umstritten.

Seit Anfang der neunziger Jahre setzen sich in den USA Kulturwissenschaftler mit der Geschichte der Normen auseinander. Die junge Disziplin Disability Studies sieht Behinderung nicht als medizinisches Defizit, sondern als Kennzeichen einer Minderheit, die die Normalität der Mehrheit erst ermöglicht. Einschränkungen werden nicht bagatellisiert, sondern interdisziplinär diskutiert. Statt Gleichheit ist die Anerkennung von Verschiedenheit das Ziel. Nicht Perfektion, sondern Unvollkommenheit ist der Maßstab.

Vergleichbar mit den Debatten über Geschlecht, Rasse und Ethnizität, setzen die Disability Studies die Beschäftigung mit historischer Körpertheorie fort.

Inzwischen haben sich an den Universitäten Illinois, New Hampshire, Syracuse und Hawaii eigene Forschungsgruppen gebildet. Motor der vielfältigen Aktivitäten ist die Society for Disability Studies, die eine eigene Zeitschrift herausgibt (Disability Studies Quarterly) und jedes Jahr eine Tagung durchführt, in diesem zum Thema Demokratie, Vielfalt, Behinderung im kanadischen Winnipeg.

David T. Mitchell hat 1997 gemeinsam mit Sharon Snyder den viel beachteten Band The Body and Physical Difference. Discourses of Disability herausgegeben, der inzwischen zum Ausgangspunkt einer neuen Buchreihe (Corporealities, The University of Michigan Press 2000 ff.) wurde. Der Band versammelt 14 Aufsätze, die am historischen Beispiel zeigen, dass Ideale wie Gesundheit, Individualität und Schönheit von behinderten Menschen verfremdet werden müssen.

Besonders eindrucksvoll ist der Beitrag von Lennard J. Davis, Professor für Englisch an der Binghampton University, über die Ästhetik der berühmten Venus von Milo. Der Torso, die beschädigte und entstellte Skulptur, verkörpere das abendländische Schönheitsideal, doch niemand, bemerkt Davis erstaunt, sehe in der Skulptur der Venus eine behinderte Frau. Wie von allein werde die berühmte Statue um ihre fehlenden Gliedmaßen ergänzt. Ein tatsächlich körperbehinderter Mensch jedoch werde als diesem Bild entgegengesetzt empfunden und provoziere Aggression und Ausschluss.