Wie neugierig vergangene Woche die Neue-Musik-Szene in die Berliner Philharmonie drängte - als ob da ein Großkomponist zur Uraufführung eines neuen Meisterwerkes gebeten hätte. Dabei ist die Musik, die dort im Kammermusiksaal zu hören war, schon ein paar tausend Jahre alt und hat auf Notenpapier nie existiert. Zwei hohle Baumstümpfe und einen großen Ast haben die Musiker als Instrumente dabei. Aber was sie singend und trommelnd darauf spielen, offenbart artistische kompositorische Qualitäten aus dem kollektiven Unterbewusstsein eines Naturvolks: Die asymmetrisch verschachtelten Rhythmen der Aka-Pygmäen gehören zu den vertracktesten, die man sich in der musikalischen Praxis denken kann. "Hohe Mathematik", sagt der Komponist György Ligeti, den die Veranstalter vom Berliner Fest der Kontinente gemeinsam mit den Pygmäen zu zwei Konzerten eingeladen hatten. Das Einfache und das Komplexe falle im Gesang der afrikanischen Musiker auf faszinierende Weise zusammen.

Das Einfache sind ihre Lebensumstände. In der Zentralafrikanischen Republik, im Urwald südlich der Sahara, sind sie als Nomadenvolk zu Hause, noch immer weitgehend isoliert von westlicher Zivilisation. Von der Jagd leben sie und vom Honigsammeln. Musik ist bei ihnen an die Riten des Alltags gebunden. Sie singen Danklieder an die Natur und Beschwörungsgesänge für Geister und Götter. Von Generation zu Generation wird das Wissen um die richtigen Töne mündlich weitergegeben. In der Grobform ist die Pygmäen-Musik simpel, sie besteht aus endlos repetierten Rundgesängen.

Das Komplexe liegt im Detail. Alle in der Stammesgemeinschaft sind am musikalischen Geschehen beteiligt, und nahezu jeder singt etwas anderes - jeweils kurze aneinander gereihte, von Pausen löchrig durchsetzte Tonlaute und Jodelmotive, die immerzu variiert werden. Vielsträhnig laufen sie parallel in kühnen metrischen Verhältnissen - und bleiben doch immer aufeinander bezogen. So fügt sich der Gesang zu einer hin- und herwogenden, suggestiv leiernden Vokalmusik, deren Bauplan das an der abendländischen Musik geschulte Ohr nicht zu enträtseln vermag. Ligeti vergleicht die Pygmäen-Chöre mit den chaotisch-schönen Erscheinungsformen der Fraktalgeometrie, bei der ebenfalls einfache Grundformeln die bizarrsten Strukturblüten austreiben können. In seinen eigenen Stücken hat Ligeti immer wieder ein ähnlich verrücktes polymetrisches Räderwerk in Gang gesetzt, nachdem er Anfang der achtziger Jahre die zentralafrikanische Musik für sich entdeckt hatte. Auch Conlon Nancarrows irr laufende Stücke für das players piano sind nicht weit weg von der Rhythmik der Pygmäen, ebenso wie manch stochastisch ertüfteltes Rhythmusgefüge im Werk von Iannis Xenakis. Und die Minimal Music von Steve Reich wirkt wie eine ins Meditative gewendete Light-Version der afrikanischen Motiv-Pulsationen.

Natürlich führen solche Parallelen nicht sehr weit, viel zu radikal verschieden sind die kulturellen Kontexte der Musikproduktion. Aber dem Fortschrittsbegriff der abendländischen Kunstmusiktradition und dem daran geknüpften Überlegenheitsanspruch steht die Pygmäen-Polyphonie allemal entgegen: Was Ligeti rhythmisch in seinen equilibristischen Klavieretüden verarbeitet, haben die afrikanischen Eingeborenen mit ihrer Hoquetus-Gesangstechnik schon den ägyptischen Pharaonen vorgesungen.

Und doch hat so ein Pygmäen-Ausflug in die westliche Konzertwelt auch seine prekäre Seite: Nach dem Berliner Gesprächskonzert, in dem die afrikanische Musik den (von Pierre-Laurent Aimard wunderbar interpretierten) Ligeti-Etüden gegenüberstand, hat man den Veranstaltern den (ungerechten) Vorwurf gemacht, sie hätten mit dem Gastspiel an die Völkerschauen des 19. Jahrhunderts angeknüpft und die Musiker zum Demonstrationsobjekt für westlichen Analyse-Ehrgeiz missbraucht. Vor allem, weil der französische Musikethnologe Simha Arom, der die Musik der Aka-Pygmäen seit 30 Jahren studiert, mit Begriffen aus der westlichen Tonsatzlehre und burschikos eingeforderten Klangbeispielen versucht hatte, was die Pygmäen selbst gar nicht interessiert - eine Theorie ihrer Musik zu entwerfen.

An das eigentliche Geheimnis der Gesänge rühren seine Erklärungsmuster nicht.

Wer die Pygmäen im zweiten Konzert dann ganz ohne analytische Betrachtungen gehört hat und die betörende Einheit aus Gesang, Tanz, Trance und ritueller Beschwörung wahrgenommen hat, der wird auch etwas anderes vernommen haben als verwirrenden Kontrapunkt und polyrhythmische Schichtungen: etwas, das unserer Musik abhanden gekommen scheint, eine spirituelle Energie, für die wir gar keinen Begriff kennen.