Es war ein einzigartiger Alleingang und überdies ein Meisterstück politischer Präzision. Vor einem Jahr hatte Gregor Gysi mit dem Gedankenspiel einer Kandidatur in Berlin begonnen, hatte die Medien spielen lassen. Und jetzt hat er eine reale Chance ergattert und zugleich die Karten der Bundespolitik neu gemischt. Während die Berliner SPD an der Regierungskrise werkelte, nutzte Gysi sie. Im politischen Sumpf blühte er auf. Die Kleinkrieger inszenierten Koalitionsbruch und Neuwahl, doch urplötzlich versanken sie im Schatten des großen Gysi. Der hat auch die Regie-Regeln verkündet: Die Hauptstadtpolitik müsse von der "Regionalliga in die Bundesliga". Oder: Für die Berliner Politik die Provinzbühne, für ihn, den Solisten, die Hauptstadtbühne.

Fortune hatte er auch. Wer konnte wirklich wissen, dass die Berliner CDU derart blind, verantwortungslos und zerrüttet war und die Kandidatur von Wolfgang Schäuble hintertreiben würde? War es Eitelkeit, die Gysi trieb? Eine müßige Frage. Seine Eitelkeit war immer nur die Maske des Strategen. Im letzten Herbst verabschiedete sich Gysi als Parteifunktionär. Seine "Verteidigungsaufgabe" der PDS sei beendet. "Als ganz normaler Politiker" könne er nicht nur "das Projekt PDS" verteidigen. Die PDS musste nicht nur in der Republik ankommen, sondern auch im Westen Fuß fassen, um zu überleben.

Linksradikale Sektierer aus Hamburg waren Nervtöter, aber keine Zukunft.

Der beste Mann musste den Schritt tun, symbolisch und real. Mit Gysis Kandidatur hat die Partei im Westen Fuß gefasst. Sein Erfolg und seine Manöver bestimmen jetzt auch das Schicksal Gerhard Schröders. Der Kanzler bestätigt es, indem er nach den Berliner Ereignissen betroffen und übellaunig schweigt. Der Bundestagswahlkampf hat in Berlin begonnen, und Schröder wird Gysi und seine PDS nicht mehr los.

Es ist sinnlos, Gysi zu entlarven. Entertainer? Scharlatan? Hofnarr?

Homunkulus der Medien? Das trifft etwas, aber trifft ihn nicht. Fragen nach der SED-Vergangenheit, nach "IM Notar", nach den Mauertoten? Wer sie stellt, ist ein Kalter Krieger, ein Spielverderber. Opfer des SED-Unrechts? Die PDS beeilt sich, auch sie zu verstehen, denn immerhin hat man Routine als Opfer.

Und Gysi ist Anwalt aller. Er plädiert gleichermaßen für eine bessere Entschädigung der DDR-Opfer und gegen die "Strafrente" der ehemaligen SED-Kader. Niemand ruft da nach der politischen Moral. Er ist einwandsimmun, ein Virtuose des Lagerwahlkampfs, der von der Diskriminierung profitiert. Aus dem Verruf versteht er einen Ruf zu machen.