Welch ein Vergnügen, solche hellsichtigen Texte zu lesen! Die Essays und Vorträge von Jan Philipp Reemtsma, die in diesem Band versammelt sind, handeln in einer selten subtilen Weise von deutscher Vergangenheit und Gegenwart - sie reden von Moral ohne Moralismus, sind sensibel für die feinsten Verästelungen und prekärsten menschlichen Konstellationen ohne Betroffenheitskult, sie nehmen kleinste Tonfallschwankungen in der öffentlichen Rede wahr ohne verkrampfte Verdachtshaltung, sie sind bestimmt im Urteil, aber nicht selbstgerecht. Und sie lassen den Zweifel an sich selbst zu, ohne darüber die Maßstäbe aus den Augen zu verlieren. Und über alledem eben die Genauigkeit, ja auch die ausgeprägte Ästhetik des genauen Arguments.

Überrascht kann darüber eigentlich nur sein, wer die berühmt-berüchtigte Wehrmachtsausstellung - ihre ursprünglich eingebauten Fehler wie auch die grobschlächtige Polemik gegen das Vorhaben als solches und als Ganzes - allzu direkt mit der Person Jan Philipp Reemtsmas assoziiert haben sollte. Für lautes Feldgeschrei ist dieser Autor nicht zu haben, weder als Schreiber noch als Objekt der Gegnerschaft. Freilich, seine leisen Töne treffen dafür den Gegenstand viel genauer - und das mag dann den einen oder anderen erst recht beunruhigen. Gewiss, unsereins, der die NS-Geschichte (und - abgeschwächt - die DDR-Geschichte) nicht am eigenen Leibe erlebt hat, der kann nicht nur mit der Titelfrage dieses Essaybandes (Wie hätte ich mich verhalten?) leichter umgehen, emotional jedenfalls, sondern auch mit der Kritik Reemtsmas, dass die Tatsache, nicht dabei gewesen zu sein, auch für die Nachgeborenen kein Grund ist für moralische Schlamperei. Was mich aber wirklich interessieren würde: Wie geht ein Mensch mit diesen Texten um, der aus seiner fernen Vergangenheit noch verdrängte, verschwiegene, verleugnete Belastungen mit sich herumschleppt? Wir wissen, auf konfrontative Kritik reagieren diese Menschen erst recht verstockt. Aber, das ist die Frage, ob ihnen nicht die Texte Reemtsmas es möglich machen müssten, sich dieser Vergangenheit doch noch auszusetzen?

Die Goldhagen-Debatte, die Walser-Debatte, die Wehrmachtsdebatte - alle erhitzten Geschichtsdiskurse des letzten Jahrzehnts spiegeln sich in diesen Aufsätzen und Reden. Aber eben so - ja: nicht wohltuend, auch nicht ausgewogen - eigensinnig genau. Das hat auch damit zu tun, dass Reemtsma nicht auf das kurze Reiz-Reaktions-Schema dieser medialen Debatten hereinfällt, sondern auf der Folie einer profunden - auch literarischen - Bildung die vertrackten Bedingungen der Menschlichkeit (und Unmenschlichkeit) derart sorgsam herauspräpariert, dass einfach kein Schlagwort mehr auf dem anderen bleibt. Nach und nach gewinnt man den Eindruck, man hätte sich viele dieser Debatten (jedenfalls ihre theatralischen Inszenierungen) sparen und an deren Stelle gleich Reemtsma fragen können. Diese öffentlichen Debatten funktionieren ja "gut" nur mit einem ausreichenden Maß an Rechthaberei auf allen Seiten. (An einigen Stellen dieses Bandes kommen noch einmal Texte von Klaus von Dohnanyi zur Walser-Debatte zur Erinnerung, auch der Briefwechsel zwischen Dohnanyi und Reemtsma: Aber irgendwie läuft Dohnanyis Rechthaberei völlig wirkungslos an Reemtsmas fast subversiver Subtilität vorbei.) Ja, das ist es: Reemtsma ist ein Subversiver im besten Sinne des Wortes. Er unterläuft fortwährend die starren Fronten der Rechthaberei. Weil er letztlich eben nicht sein Recht sucht - sondern das Rechte.

Jan Philipp Reemtsma: "Wie hätte ich mich verhalten?" und andere nicht nur deutsche Fragen. Reden und Aufsätze

C. H. Beck Verlag, München 2001

217 S., 39,80 DM