Vor genau 20 Jahren erschien der erste warnende Bericht über eine seltsame Immunschwäche bei fünf schwulen jungen Männern in Los Angeles. Sie litten an hohem Fieber, Lungenentzündungen und Pilzinfektionen, zwei von ihnen starben. Was zunächst als Seuche von Schwulen und Junkies galt, entpuppte sich bald als Killer für alle: die Pandemie Aids. Bisher hat Aids weltweit 22 Millionen Menschen getötet, weitere 36 Millionen sind infiziert oder aidskrank. Auch sie werden fast alle an der Seuche sterben. Dann hat das Virus mehr Menschenleben gefordert als der Erste und Zweite Weltkrieg zusammen. Anfang kommender Woche nun befasst sich erstmals in der Geschichte der Vereinten Nationen eine Vollversammlung in New York mit der Bekämpfung von Aids in der Dritten Welt, insbesondere in Afrika.

Aids tötet millionenfach - wir hören es mit seltsamer Gelassenheit. Das Schicksal einiger Dutzend tiefgefrorener deutscher Embryonen beschäftigt uns mehr als das Massensterben im fernen Afrika. Doch wir dürfen nicht länger tatenlos zusehen, wie längst beherrschbare Killerkeime die Sozial- und Wirtschaftsstrukturen ganzer Länder zerstören. Zumal der Seuchenzug für uns alle zur Gefahr wird. Denn die Immunschwäche fördert andere, hoch ansteckende Leiden wie Tuberkulose, Hepatitis, Durchfall- oder Geschlechtskrankheiten.

UN-Generalsekretär Kofi Annan fordert jetzt die reichen Länder auf, einen globalen Aids-Fonds mitzufinanzieren. Rund neun Milliarden Dollar sollen jährlich zusammenkommen. Auch die Empfängerländer werden am weltweiten Feldzug gegen Aids beteiligt, insbesondere durch den Aufbau medizinischer Infrastrukturen. Medikamente sind zwar wichtig im Kampf gegen Aids, noch wichtiger aber sind die Köpfe: Ohne Aufklärung und Änderungen im Sexualverhalten wird die Immunschwäche über alle High-Tech-Medizin den Sieg davontragen.

In Deutschland steigen die Infektionsraten bei jungen Menschen unterdessen wieder an. Die Angst vor Aids ist verblasst. Viele glauben, die Immunschwäche lasse sich dank der hoch aktiven antiretroviralen Therapie, kurz Haart, wie Diabetes behandeln. Promisker, ungeschützter Verkehr ist wieder in. Das hat die Zahl der Geschlechtskrankheiten hochgetrieben - und die wiederum fördern HIV-Infektionen.

Selbst billige Medizin kostet zu viel

Ohne breite Aufklärung hätte es wenig Sinn, mit der Streubüchse teure Medikamente für die Haart-Therapie über Afrika zu verteilen - auch wenn die Pharmafirmen dort ihre Pillen zum Selbstkostenpreis von einem Dollar pro Tagesdosis abgeben (anstelle von dreißig Dollar hierzulande). Nur bei gezieltem Einsatz lassen sich mit Medikamenten Leben retten. Fehlt hingegen fachkundige Betreuung, dann schaffen diese Arzneien in armen Regionen mehr Probleme als Heil. Sie bleiben trotz drastischer Preissenkung für die meisten Menschen unerschwinglich - wer aber bestimmt dann, welche Patienten in den jahrelangen Genuss einer Haart-Therapie kommen? Und: Warum 365 Dollar jährlich für einen Aids-Kranken ausgeben, wenn sich mit dem gleichen Betrag das Leben von einem Dutzend Menschen retten lässt, die an anderen Infektionen leiden? Schlimmer noch: Wo gespart werden muss, ist die Gefahr groß, dass Aids-Patienten ihre Haart-Therapie unterbrechen, sobald sie sich wieder besser fühlen. Genau dies aber fördert resistente Viren und macht die Arzneien wirkungslos, auch für andere.

Die Erkenntnis, dass moderne Medikamente vorerst nur begrenzt helfen, ist kein Grund zur Resignation. Im Gegenteil, damit das Desaster nicht noch schrecklicher wird, müssen rasch lokal angepasste medizinische Infrastrukturen entstehen, um Infektionen aller Art besser bekämpfen zu können. Helferscharen müssen aufklären über Hygiene und Sexualverhalten, HIV-Tests und Kondome anbieten. Der globale Aids-Fonds soll die Wege bereiten. In einigen Jahren kann dann eine großflächige Therapie folgen.