Wir haben improvisiert", sagt Jan Tesarik, und es klingt, als wäre der Mediziner darüber nicht unglücklich. Das Ergebnis der Improvisation ist eine weitere Grenzüberschreitung in der weltweit boomenden Reproduktionsmedizin: Tesarik und seine Kollegen haben die ersten menschlichen Embryonen aus normalen Körperzellen geschaffen. "Mit dieser Methode könnten nicht nur Frauen jeden Alters, sondern auch zwei homosexuelle Männer zu einem genetisch eigenen Kind kommen", sagt Bruno Imthurn, Reproduktionsexperte am Universitätsspital Zürich.

Hätte Tesarik in seinem Heimatlabor im spanischen Granada experimentiert, wäre er mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Es war eine unfruchtbare Patientin der Roger-Abdelmassih-Klinik im brasilianischen SÆo Paulo, für die er die Technik erprobte. Die zwei menschlichen Embryonen, die nun dort tiefgekühlt lagern, sind zwar keine Klone eines Elternteils - sie enthalten sowohl mütterliches als auch väterliches Erbgut. Doch die Methode, der sie ihre Existenz verdanken, ist nur noch um Haaresbreite von der Klontechnik entfernt: Wie beim Klonen spritzten die Forscher das Erbgut einer Körperzelle in eine fremde Eizelle. Diese wurde zuvor "entkernt", das heißt, ihr eigenes Erbmaterial wurde entfernt.

Inspirieren ließ Tesarik sich dabei von der ersten Klonmaus Cumulina, die vor drei Jahren das Licht der Welt erblickt hatte. Ihr Schöpfer, der US-Forscher Ryuzo Yanagimachi, klonte sie aus so genannten Kumuluszellen, daher ihr Name.

Kumuluszellen sind normale Körperzellen, sie umhüllen die Eizellen im Eierstock wie eine schützende Wolke.

Tesarik entnahm solchen "Wolkenzellen" der unfruchtbaren Frau das Erbgut und spritzte es in eine entkernte Spendereizelle. "Zufälligerweise war am selben Tag eine Patientin in der Klinik, die einwilligte, Eizellen zu spenden", sagt er. "Wir mussten die Chance nutzen, für die Patientin war es die letzte", rechtfertigt er das ungestüme Vorgehen.

Im Gegensatz zum Mauskopierer Yanagimachi ließ Tesarik allerdings keinen Klon heranwachsen, sondern spritzte zusätzlich noch den väterlichen Samen in das Ei. Nach einigen Stunden hatte die Eizelle das genetische Material aus den zwei fremden Zellen neu sortiert, stieß überschüssiges Erbgut aus der Kumuluszelle ab und startete die Entwicklung zum Embryo. Allerdings wagten die Forscher vorerst nicht, sie der Mutter gleich einzupflanzen, sie befürchteten Missbildungen.

"Das ist die Steigerung von dem, was James Grifo gemacht hat", urteilt der Schaffhauser Reproduktionsarzt Peter Fehr. Der US-Mediziner Grifo musste vor drei Jahren seine umstrittenen Experimente aufgrund öffentlichen Drucks einstellen. Zwar arbeitete er nicht mit Körperzellen wie die Kloner, sondern übertrug Zellkerne aus unfruchtbaren Eizellen in gespendete, fruchtbare Eizellen. Den Kritikern genügte das. Es handle sich um Trockenübungen für zukünftiges Menschenklonen, warfen sie ihm vor. Vorderhand muss sich Grifo deshalb mit Mausforschung begnügen.