Man hat alles gesehen, man ist überall dabei gewesen, man kann stets mitreden, man scheint so viel mehr zu wissen ... und begreift doch so viel weniger." Ein Satz von schöner Zeitlosigkeit, diese Klage von vorvorgestern.

Ziemlich passend für die diffuse Neugier, mit der sich heute Menschenmengen der Kunst aussetzen, zumal dann, wenn so viel Attraktion zusammenkommt wie jetzt an der Münchner Theatinerstraße: Der kühle Blick des Realismus der zwanziger Jahre. Die Verlockung großer Namen. Das Plakatmotiv mit mondänem Frauenkopf - eine auf Distanz haltende Verführung, so schräg, so selbstbewusst kalt, dass ein simples "cool" als Erkenntnis nichts bringt. Die Kunsthalle der Hypo-Stiftung schließlich, Herzstück der von den Basler Architekten und Pritzker-Preisträgern Herzog und de Meuron geschaffenen, 78 000 Quadratmeter umfassenden "Fünf Höfe". Ein Areal in schickster Lage, das Konsum und Kunst, Bank- und Bürotätigkeiten strategisch durchmischt. Eine Nobelvariante herkömmlich glitzernder Shopping-Malls von überzeugter Sachlichkeit.

An den Fünf Höfen glänzt unterm weißblauen Münchner Sommerhimmel allenfalls der Bronzevorhang, der die Glasfront des Hypo-Baus an der Theatinerstraße überzieht, inzwischen auch "Kettenhemd" genannt. Die neu geschaffene Kunsthalle - Nachfolgerin des seit 1983 erfolgreich agierenden Ausstellungsinstituts - zeigt sich folgerichtig als ein Raumgefüge von raffinierter Schlichtheit. Die Kunst erhält angesichts solch minimalistischer architektonischer Konsequenz schon deshalb jede Chance, weil hier einfach nichts stört. Keine Verschattungen, keine Spiegelungen, nicht einmal der obligate Feuerlöscher. Wobei die hochgemute Neutralität - und damit das Erfolgsrezept der Architekten - erst wirkt, wenn man sich eine Weile in den Sälen bewegt, allein mit den Kunstwerken und damit zu einiger Konzentration aufgefordert.

Als die hannoversche Malerin Grethe Jürgens vor fast 70 Jahren ein Publikum, das alles gesehen hatte und doch so wenig begriff, zum aktiven Sehen aufforderte, waren ihre couragierten Rezepte zum ersprießlichen Besuch einer Kunstausstellung schon beinahe obsolet geworden. Die Nationalsozialisten hielten andere Rezepte bereit, und die "neusachlichen" Arbeiten der Jürgens und ihrer Weggefährten verschwanden von der Bildfläche. Sie waren einmal markante Signale aus der Provinz, ein sprödes Kontrastprogramm zum bildnerischen Kosmos des in Hannover international tätigen Kurt Schwitters.

Eine Kunst mitten aus dem Leben und, um Grethe Jürgens noch einmal zu zitieren, "die Entdeckung einer ganz neuen Welt und ein von Gestalten bevölkertes Terrain, in denen der stärkste Ausdruck unserer Tage liegt".

Wieland Schmied, der jetzt unter dem Diktum des Kühlen Blicks europäische und einige amerikanische Versionen realistischer Malerei der zwanziger Jahre vorstellt, sortiert 180 Bilder in thematische Gruppen. Was publikumsfreundlich ist, aber erst einmal eine Motivsammlung ergibt: Porträts, Stillleben, Stadtansichten, Industrieanlagen, der Mensch als Akt, als Harlekin. Das ist so überschaubar gegliedert, als müsse man sich nicht mehr um Herkunft, Quellen oder Entstehungsbedingungen solch vielgestaltiger Bildkonstruktionen von Realität kümmern. Das ist leicht zu erfassen und ohne Vorkenntnisse schwer zu begreifen.

Denn der Blick der zwanziger Jahre einte so manches: Erfahrung des Ersten Weltkriegs. Die Distanz zu einer fremd gewordenen Welt und die Präzision der Beobachtung. Rebellion und die Rückkehr zur Tradition in ein Dasein ohne Höhenflüge: Die Wirklichkeit der Weimarer Republik hatte in Deutschland nicht nur die bildnerischen Utopien des Jahrhundertanfangs schnell eingeholt. Die ernüchternden Erfahrungen mit der Realität erfassten Künstler in der Provinz wie in den Großstädten. "Neusachliche" und "Veristen" waren Grenzgänger zwischen Abstraktion und Surrealismus. Berlin, die europäische Metropole der zwanziger Jahre, besorgte den frechen Glanz, lieferte die Bitterkeit, die Nachtseiten der Epoche. Schlager besangen allenthalten die in der Luft liegende Sachlichkeit, das Nüchterne in allen Dingen. Doch war der Glaube an die Realität so erschüttert, dass sich das Leben - das politische, das künstlerische und das subjektiv empfundene - nur noch kaleidoskopisch dicht erfahren und wiedergeben ließ.