Der Friede kehret in mein Herz! Ich bin an meiner Qualen Ziel", singt Orestes. Das Orchester aber weiß es besser, das Grauen steigt aus dem Graben auf: Unheimlich pochen die Sechzehntel in den Bratschen wie ein unregelmäßig nervöser Puls- oder Herzschlag. Ein sehnsüchtiges Oboensolo verliert sich in fahlen Seufzern der Violinen. Von innerem Frieden keine Spur. Der Sohn der Klytämnestra versucht uns und sich selbst zu belügen, doch die Musik führt ihn als den Mörder seiner Mutter vor.

Die Arie im zweiten Akt von Christoph Willibald Glucks 1779 in Paris uraufgeführtem Spätwerk Iphigénie en Tauride gehört zu den großen, wegweisenden Momenten der Operngeschichte. Die Musik erzählt dem Hörer, was die Worte verschweigen. Das Orchester emanzipiert sich vom Text, stemmt sich als Stimme der Wahrheit gegen ihn und zieht eine eigenständige, psychologische Deutungsebene ein. Kein Wunder, dass sich Wagner und Strauss aufs Höchste fasziniert zeigten vom Werk des Ritters von Gluck. So wie jetzt bei Marc Minkowski und seinen Musiciens du Louvre dürfte allerdings keiner von beiden jemals das Orchester als einen zentralen Protagonisten dieser Musik erlebt haben. In der fulminanten Sturmszene, die Gluck an die Stelle der Ouvertüre setzte, fliegt es einem richtiggehend um die Ohren. Minkowski peitscht die Elemente derart, dass einem sprichwörtlich das Hören vergeht - das Sehen freilich nicht. Denn hier geht es um Affekte, nicht um Effekt, darum also, uns - quasi im grellen Schein der Blitze - tief in die aufgewühlte Seele der Titelheldin blicken zu lassen. Nach drei Minuten ist klar, wie weit diese Figur von Goethes Iphigenie entfernt ist, die Schiller so "verteufelt human" fand. Nichts davon bei Gluck, dem es in seinem Meisterwerk nicht um das edle Griechentum der Weimarer Klassik ging, sondern um jene dramatische Wahrhaftigkeit, auf die seine Opernreform wesentlich abzielte. Deshalb offenbart die affektgeladene Musik eine Zerrissene, schwankend zwischen Leid und Mitleid, Auflehnung gegen das blinde Walten der Götter und resignativer Einsicht in die archaische Brutalität der Welt.

Mireille Delunsch singt sie atemberaubend. Halb Furie, halb Priesterin, führt sie ein exzellentes Ensemble zum lieto fine.

E.T.A. Hoffmann schrieb 1809 in seiner Erzählung Ritter Gluck: "Alles, was Haß, Liebe, Verzweiflung, Raserei in den stärksten Zügen ausdrücken kann, faßte er gewaltig in Tönen zusammen." Das war - bei Minkowski zweifelt man keine Sekunde daran - nicht zu viel gesagt (Archiv Produktion 471 133).