Einer, von dem man lange Sätze gewohnt ist, schreibt nicht ohne Grund plötzlich anders. Thomas Lehr hat in den letzten Jahren große Romane verfasst, deren Seitenzahl sich immer mehr steigerte: Nach Zweiwasser, 1993 mit 359 Seiten, folgte 1995 der eigentliche Erstlingstext Die Erhörung mit 463 Seiten und 1999 schließlich der weitläufige Bildungs- und Generationsroman Nabokovs Katze mit 511 Seiten - recht eigenwillige Prosaschübe waren das, mit auktorialem Augenzwinkern und ruhigen Beschreibungen

geschichtliche Panoramen gerieten genauso ins Blickfeld wie individuelle Erfahrungen. Thomas Lehrs Stil zeigte wenig Neigung zu experimentellen Formspielen. Allerdings fielen Passagen auf, vor allem in der Erhörung, die psychische Extremzustände kongenial in sprachliche Bilder übersetzten, immer jedoch mit langem Atem und verschlungenen Sätzen.

Die Novelle Frühling, die jetzt als viertes Buch von Lehr vorliegt, scheint mit alldem nichts mehr zu tun zu haben. Es ist nicht nur der schmale Umfang von 142 ziemlich groß bedruckten Seiten, der auffällt, es ist vor allem auch die Form: der atemlose, in zahllose Einzelscherben zerspringende Monolog eines Sterbenden, mit abgehackten, stakkatoartigen Sätzen. Die grammatikalischen Sinneinheiten werden von einer exzentrischen Zeichensetzung durchkreuzt und außer Kraft gesetzt. Punkte und Kommata stehen mitten im Satz, häufig auch Doppelpunkte und Ausrufezeichen, und bilden neue, assoziative Bezüge, stellen vor allem die gewohnten Abläufe infrage.

Form und Inhalt sind voller Spannung aufeinander bezogen. Im Zentrum steht tatsächlich eine "unerhörte Begebenheit", wie es die zunächst ein bisschen gespreizt wirkende Gattungsbezeichnung "Novelle" nahe legt. Das Nacherzählen dieser Begebenheit und ihrer Auswirkungen indes verfälscht zwangsläufig diesen Text: Man kann, was Lehr hier erzählen will, nur in der Form erzählen, die von ihm gewählt wurde - sie hat die landläufige Handlung und die landläufige Zeitenfolge hinter sich gelassen und entwickelt Orte und Zeiten, die nur in der Schrift aufzufinden sind und sich dem pragmatischen Zugriff entziehen.

Es sind die großen, epochalen Themen des abgelaufenen Jahrhunderts, die in dieser Novelle eine neue, ungeahnte Form annehmen und so in ihrer Bedeutung plötzlich wieder grell aufscheinen. Die immer enger werdenden Kreisbewegungen des Textes haben ein Zentrum: den Nationalsozialismus und seine Auswirkungen auf die bürgerliche Familie der Bundesrepublik. Die Begebenheit, die alles auslöst, findet Anfang der sechziger Jahre statt: Vor der Terrasse der Familie des damals elfjährigen Christian, des Ich-zerstümmelnden Sprechers, taucht ein fremder Mann auf, der sich auszieht und ruft: "Appell, Herr Doktor, Appell!" - die Vergangenheit des Vaters als KZ-Arzt in Dachau treibt den drei Jahre älteren Bruder Christians in akribische Nachforschungen und Identitätskrisen

die Taubheit der Familie führt schließlich zu seinem Selbstmord.

Christian, der mittlerweile 50 Jahre alt ist, spürt in seinen Sterbesequenzen der Begebenheit, die den Schleier um die bürgerliche Welt seiner Familie zerriss, genauso nach wie dem Selbstmord seines Bruders, und während er durch seine eigene Lebensgeschiche zappt, wird immer deutlicher, dass er an den Schlüsselsituationen seines Lebens vorbeigelebt hat - und dass auch seine Schlussfolgerung letztlich ein Sichentziehen ist: Er und eine jüdische Freundin, deren Mutter in Dachau get ötet wurde, bringen sich nämlich gegenseitig um. Es sind die letzten 39 Sekunden seines Lebens, die die 39 Kurzkapitel dieser Novelle ausmachen, und es ist ein Bewusstseinsstrom, der auf unerhörte Weise in Sprache gerinnt.