Ich fand schon immer: Videospiele sind eine Gefahr für die Menschheit. Nichts versetzt mich in hartnäckigeren Weltschmerz als die vielen Rentner, die morgens in der S-Bahn statt einer Wochenzeitung den Gameboy in der Hand halten. Alle dumpf vertieft in ihr simuliertes Heldentum. Noch schlimmer sind die Computerkids, die den aberwitzigsten Hype um ihr armseliges Hobby kultivieren.

Dieser Tage kam das erste Sammelalbum mit den Klangfolgen der ganz frühen Computerspiele heraus. Gerührte Veteranen der Commodore-64-Generation, alle so um die 24, stürmten die Plattenläden, um den stupiden Klängen ihrer ersten digitalen Erfahrungen zu frönen. Aber es kommt noch schlimmer. Jetzt werfen die Japaner Bemani auf den Markt, eine neue Generation von Videospielen, die nur mit Ganzkörpereinsatz zu beherrschen sind. Herkömmliche Steuergeräte werden durch Plastikgitarren, Sambarasseln oder so genannte Tanzmatten ersetzt.

Meine erste persönliche Erfahrung machte ich mit Bemani, als mich eine Freundin eines Nachts mit tränenerstickter Stimme anrief, weil ihr Mann sich weigerte, von der Bemani-Matte zu steigen. Seit vier Stunden hampelte er wie ein Irrer vor dem Monitor umher, um den Schrittfolgen hinterherzukommen, die eine Spielfigur vorgibt. Wie alle Computerdaddler ist er dick und untrainiert, und meine Freundin befürchtete den unweigerlichen Herzschlag. Er war schon immer einer von denen gewesen, die fünf Stunden lang ohne Gemütsregung Monster abknallen. Jetzt ist es dramatischer: Er rollt die Touchscreen-Matte aus, schnappt sich die Sambarasseln und hüpft wie ein Besessener hin und her. Wenn ihn die Spielleidenschaft so richtig gepackt hat, verliert er das Gleichgewicht und knallt auf den Wohnzimmerteppich. Ein trauriges Schauspiel. In Japan, wo die Menschen weniger Scheu davor haben, sich zum Affen zu machen, hat die Firma Komani ein Vermögen damit verdient, zwei der niedrigsten menschlichen Instinkte zu kombinieren: Fitnesswahn und Spielertrieb (der Kalorienverbrauchsanzeiger ist bei allen Bemani-Spielen mit eingebaut). In Deutschland haben erst die early adapters, wie der Mann meiner unglücklichen Freundin, den Spaß entdeckt. Bemani-Hochburg ist bislang der Ruhrpott. Aber das ist kein Trost: Furchtbares kommt auf uns alle zu, morgens in den S-Bahnen und auf dem langen Weg zu uns selbst. Bisher waren Videospieler wenigstens leise und transpirierten kaum. Damit ist es wohl jetzt vorbei.

Die Autorin moderiert und leitet das TV-Magazin Polylux, jeden Montag um Mitternacht in der ARD