Kürzlich in New York. Als der Künstler X (Name von der Redaktion vergessen) nachts aus seinem Urlaub nach Greenwich Village heimkehrte, erschrak er sehr. In seinem Schlafzimmer hatten sich Riesen eingenistet.

Gigantische Köpfe bewegten die Lippen, es war, als hielten der Koloss von Rhodos und die Freiheitsstatue Zwiesprache. X rieb sich die Augen, doch gegen die Kolosse half kein Zauber. In seiner Abwesenheit hatte nämlich ein Ladenbesitzer aus der Nachbarschaft eine neue Werbekampagne ersonnen: Auf dem Dach des Ladens, vor dem Schlafzimmer des Künstlers, errichtete er eine Leinwand. Auf ihr spielen nun Szenen aus einem Film von Godard, 24 Stunden am Tag.

X lebt seitdem buchstäblich auf den Knien

zu Füßen der unbegrenzt Haltbaren, der Verfilmten. Was wird der kleine Kreative, dessen Geschichte in der New York Times zu lesen war, jetzt wohl tun? Er kann die Fäuste schütteln und Flüche zur Leinwand hinaufsenden. Oder er gibt sich geschlagen, spricht den Kolossen dort oben den Text vor und bastelt sich aus den Spänen und Fetzen, die von der Leinwand herunterregnen, seine eigene Welt.

Genau das ist die Lage vieler Theaterleute. Sie arbeiten auf den Knien, und die Hoheiten, vor denen sie sich verneigen, sind das Kino, die Videokunst, das Fernsehen. Sie reden zwar von kritischem oder subversivem Umgang mit den Leitmedien. Aber oft wirkt ihre Arbeit wie ein bitterernstes Totalkaraoke.

Hinter aller Lust an der Parodie spürt man dann wilde Entschlossenheit, nach drüben in die Filmwelt zu gelangen, sich hineinzuprügeln in ein zeitenthobenes Hoheitsgebiet. Und immer ahnt man den Neid der Theaterleute auf das unerreichte, Welten öffnende cineastische Allzweckmittel: das Close-up, die Großaufnahme des Menschengesichts bei beherztem Einsatz von Musik.

Bei den Wiener Festwochen hat Thomas Ostermeier, der Chef der Berliner Schaubühne, das neue Stück der serbischen Dramatikerin Biljana Srbljanovic uraufgeführt: Supermarket - eine Soap-Opera. Srbljanovic, im Balkankrieg zu Ruhm gekommen, untersucht nun den Frieden, wie er sich in den Familienserien, den Telenovelas, den Seifenopern dieser Welt darbietet. Irgendwann, so zeigt ihr Regisseur Ostermeier, haben die Soap-Opera und die Realwelt ihre Positionen getauscht. Die Soap-Opera bildet nicht mehr ab, was wir erleben, sondern sie entwirft, was wir erleben könnten