Hans-OlafHenkel geht in die Wissenschaft. Den Zeitungen war die Nachricht eine Schlagzeile wert. Ein Industriemanager will in die akademische Walhalla. Solch ein Wildwechsel findet in Deutschland selten statt, und wer ihn wagt, gilt fast als Verräter. Nicht so Hans-Olaf Henkel, dem es weder in der Wirtschaft noch in der Politik an Anerkennung fehlt und der sie nun auch in der Wissenschaft sucht. Zwar hat er an der Universität Mannheim schon eine wirtschaftswissenschaftliche Honorarprofessur

aber das reicht ihm nicht.

Nach seinem Abschied als Präsident des Bundesverbandes der deutschen Industrie (BDI) auch gesellschaftlich zu den Akten gelegt zu werden war ein Gedanke, der ihn beunruhigte. Wenn er nicht permanent mit blanken Nerven herumlaufen will, braucht er eine Plattform, um wichtig zu bleiben. Das fordert nicht nur sein Ego, sondern auch sein Idealismus, der gesehen werden und bewundert sein will - was wahrlich nicht schwer fällt. Am 1. Juli wird er Präsident der Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz (WGL), auch als "Blaue Liste" bekannt.

Einen "Geniestreich" nannten seine Bewunderer die Wahl des 61-Jährigen. Sie erhoffen sich von Henkel, dass er der Leibniz-Gemeinschaft, dem Aschenbrödel in der deutschen Forschungslandschaft, Reputation bringt, Türen öffnet und Gehör verschafft. Eine wissenschaftspolitisch profilierte Persönlichkeit aus den 79 Leibniz-Instituten, der man das hätte zutrauen können, war nicht auszumachen. Aus eigenem Antrieb hatte sich allerdings auch keiner der Institutsdirektoren zum Frondienst in der wissenschaftlichen Selbstverwaltung gemeldet.

Für Henkel sprach unter anderem, dass er hauptamtlich Präsident sein kann, ohne hauptamtlich bezahlt zu werden. Manchmal überkommt ihn Selbstmitleid, wenn er bedenkt, dass seine Arbeit auch beim BDI mehr der Gemeinschaft diente als seinem Bankkonto. Geld hat er über dreißig Jahre lang bei IBM verdient, noch heute ist er Aufsichtsratsvorsitzender der IBM Deutschland. In Wahrheit interessiert ihn Bares weniger als andere Leute, solange er die Chance bekommt, etwas zu bewegen, getreu seinem fast schüchtern gegrummelten, ehrlich gemeinten Spruch: "Einer muss sich ja kümmern."

Für seine oft bekundete Sehnsucht nach Ordnung und festen Strukturen wird er in der Leibniz-Gemeinschaft ein breites Aktionsfeld finden. "Wo immer sich ein Chaos auftut", schrieb die Stuttgarter Zeitung einmal, "fühlt er sich als Augias aufgefordert." Zu beobachten, wie er auf fremdem Terrain zu Rande kommt, wird lehrreich sein. Die Leibniz-Gemeinschaft ist ein Wechselbalg im deutschen Forschungssystem und hat dort lange um einen festen Platz kämpfen müssen. Sie ist keine unabhängige Trägerorganisation wie die Max-Planck-Gesellschaft (für die Grundlagenforschung) und die Fraunhofer-Gesellschaft (für die angewandte Forschung), sondern ein Zusammenschluss wissenschaftlicher Einrichtungen, die übrig blieben, weil sie in kein anderes System passten.

Ihre Unterschiedlichkeit ist ihr Wahrzeichen. So wie das Warenangebot von Harrod's in London vom Elefanten bis zur Feinkostmarmelade reicht, umfasst die Blaue Liste sowohl das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung wie das Deutsche Museum in München, das Hamburgische Welt-Wirtschafts-Archiv (HWWA) wie das Deutsche Primatenzentrum in Göttingen oder das Forschungsschiff Meteor. Einrichtungen von internationalem Rang finden sich neben Instituten von allenfalls regionaler Wichtigkeit. In den vergangenen fünf Jahren hat der Wissenschaftsrat die 79 Einrichtungen penibel unter die Lupe genommen, sechs Institute zur Schließung empfohlen und schließlich geurteilt: Generelle Bedenken hinsichtlich der Qualität der wissenschaftlichen Arbeit in den Instituten seien nicht länger gerechtfertigt.