Er war einer der diskret eleganten Stilisten, sah mit melancholisch hängenden Augenlidern in die schöne alte Welt, die zwischen den Lippen klebende Zigarette trug er zur geblümten Fliege. Wiener war er, wie Karl Kraus, wie Egon Friedell, um das Kaffeehausklischee zu bedienen, ein Meister der Kleinen Schriften, wie sich die wundervolle sechsbändige Sammlung seiner klarsichtigen Texte nennt. Alfred Polgar (1873 bis 1955) - eigentlich Polak, Synonym für den dumpf Neureichen - ist wiederauferstanden, in der Stimme einer Frau, der Wienerin Senta Berger. Eine stilvolle Ironie, liest sie doch Beziehungsdramolette, in denen Frauen eher schlecht wegkommen.

"Unterhalte dich gut!", ruft die zu Hause bleibende Frau dem Mann im Treppenhaus nach, nachdem sie ihm schon zuvor versichert hatte: "Natürlich sollst du gehen. Und bleibe nur, so lange du willst. Lieber!" Sanft, hell, lächelnd spricht sie und meint doch (ganz österreichisch?) das Gegenteil: "Dir scheint es natürlich, mich allein zu lassen, aber du hast recht, denn es wäre ja wirklich blanke Unnatur von einem Egoisten, wie du einer bist, auch an den anderen zu denken", "natürlich", "bleibe", "Lieber" - nichts als Codewörter, "schokoladisiert und gleich darunter nichts als Bitterkeit", für ein Schwein, das einen gequälten Abend in seiner Schlechtigkeit verbringen möge. "Mit der Zeitlupe aufgenommen" beschreibt Alfred Polgar die kleinen Gesten und Sätze und wechselt zwischen dem schmachtenden Augenaufschlag des Liebenden und dem sachlichen Blick eines Insektenforschers. Er sieht sie, sie sieht ihn, mit der Innigkeit des Gefühls und der Gemeinheit des Verstandes: Liebe und dennoch. Über die dazu nötige liebevolle Genauigkeit und psychologische Akkuratesse verfügt Polgar in jeder Zeile. Fehlte eines davon, würde daraus Satire, die Schärfe würde stumpf werden. "Er redet nur von unverfänglichen Dingen", beschreibt Polgar einen Mann und präzisiert: "Er schweigt." Und von ihr: "Wenn eine Frau schweigt, hört man es."

Die Geschichten: Von Aberwitzigkeiten der Eifersucht erzählt er, der Angst vor zu viel Risse stopfender Nähe und der Ungleichzeitigkeit von Liebe, von Junggesellenarroganz und einem personifizierten Wiener Volkslied. Immer von der Oberfläche in die Untiefe einbrechend, den Moment anhaltend oder wie es Polgar formuliert: "Das Complicierte im Einfachen zu erkennen, dazu braucht man nur eines: ein Mikroskop. Und ein ähnlich construiertes Ohr, welches Schicksale hört, die auf leisen Sohlen gehen." Es ist der Tonfall des achselzuckenden Lächelns, den Polgar und Berger bevorzugen, das hat nichts Augenzwinkerndes, es wäre beiden zu billig. Wenn Senta Berger flötet und giftet, dann klingt das ziemlich menschlich, wenn sie sinnlich und spitz liest, wird es süffig.

Robert Musil hatte den Feuilletonisten, Theaterkritiker und Schriftsteller Alfred Polgar als "Filigranist" bezeichnet, dem die geschliffene Beschreibung Voraussetzung war, um einer Wahrheit auf die Spur zu kommen und schwere Dinge leicht zu sagen. Beim ersten Augenschein vermutet der Hörer dies auch bei Elias Canetti und seinen Porträts aus Der Ohrenzeuge. Dem klassischen Vorbild der Charaktere des Theophrast folgend - die Müde, der Namenlecker, die Habundgut -, verabschiedet er sich bald von der einfachen Typologie und färbt seine satirischen Masken mit surrealen Zügen. Doch seltsam: Nach anfänglich höchstem Vergnügen erlahmt die Begeisterung nachhaltig. Nicht, weil man sich von den Charakteren zu sehr erkannt fühlt, sondern zu wenig, weil bei aller treffender Beobachtung eine gefühlte Kälte herrscht, die vom Draußenbleiben kommt.

Elke Heidenreich und Konrad Beikircher lesen die Miniaturen dementsprechend gut und damit als literarische Karikatur. Ob der Gottprotz oder die Versuchte, der Hinterbringer oder die Schuldige, immer weiß man, was gleich genussvoll formuliert, wo es gleich eintönig lustig wird. Berührt ist man dann, wenn die Spielfiguren Canettis psychologisch poetisch geraten, wenn die sprachscheue Pferdedunkle nichts sein will, "was sie als ihresgleichen empfindet", wenn sie sich nicht versteht mit den Menschen, allein mit den Pferden: "Nur das immer Fremde ist ihr geheuer."

Nachfrage: Könnte auf dem CD-Cover mit dem schönen Gesicht der Senta Berger möglicherweise auch der Name Alfred Polgar erscheinen? In etwa: "Senta Berger trifft Alfred Polgar."

* Senta Berger: Liebe und dennoch