Sie sind überall. In Computerspielen und Zeichentrickfilmen, auf Kelloggs-Schachteln und auf Limonadeflaschen, im Kino und auf Zahnputzbechern, Kleidern und Schuhen, als Plüschtiere, im Fernsehen und auf Spielkarten. Pokémons bevölkern Sammelvitrinen in den Kinderzimmern und geistern durch ungezählte Fanclubs im Internet. Mit etwa 3000 Pokémon-Lizenzprodukten setzt die japanische Firma Nintendo jährlich circa 600 Millionen Mark um. Es finden Pokémon-Turniere in der echten und in der virtuellen Realität statt, Eltern begreifen die Welt nicht mehr und klagen über eine gigantische Manipulation. Faszination? Oder Sucht? Kinder finden die Monster niedlich und halten sie für gemeinschaftsstiftend. Während sie fieberhaft sammeln und tauschen, warten sie schon auf die nächsten Pokémons.

Findige Kids erschaffen selbst neue Taschengeister beziehungsweise Pocket-Monster (Poké-mon) und erzielen Anerkennung im Netz, denn das Internet ist der größte Austausch- und Umschlagplatz für die neuen Mitbewohner der Erde geworden. Keineswegs nur die 4- bis 14-Jährigen, sondern Teens und Twens outen sich als Pokémon-Gemeinde im globalen Dorf. Die Marktstrategen des Gameboy-Produzenten Nintendo frohlocken über den beispiellosen Erfolg, einzigartig in der Geschichte und milliardenschwer. Kinderpsychiater allerdings warnen, dass Millionen vereinsamter Kinder in die Pokémon-Welt flüchten und den Realitätsbezug verlieren. Eine Hysterie sei ausgebrochen, vergleichbar einer weltweit sich ausbreitenden Seuche, die narzisstische Verhaltensweisen fördere: "Ich und meine Pokémons - die Welt ist mir egal."

Allmachtsfantasien von Kindern würden ins Unerträgliche gesteigert und die Eltern zur Statistenrolle im kindlichen Selbstfindungsprozess degradiert. Die Kinder sehen das anders. Sie kontern in weltweiten psychologischen Befragungen, dass sie nun "nicht mehr so allein" seien. Und: "Die Pokémons können einen beschützen."

Natürlich gab es Moden ähnlicher Art schon zuvor, von Mickymaus über die Barbiepuppe bis zu den Playmobil-Figuren. Noch nie aber ist strategisch so perfekt geplant worden mit einem globalen Marketing, das auf lokale Empfindlichkeiten durchaus Rücksicht nimmt: Think globally, act locally - das funktioniert im Pokémon-Vertrieb, denn in Japan sind die Jugend- und Erwachsenenfantasien von anderen Mythen geprägt als in den USA, und französische Kinder kopieren natürlich nicht einfach amerikanische Sprach- und Traummuster.

Die Pokémons sind Hilfstruppen in einer sich feindlich gebärdenden Welt. Sie können mächtig sein, müssen zunächst aber von den kindlichen Feldwebeln ausgebildet werden - mit Geduld und Fürsorge, auch nicht ohne Humor. Wird ein Pokémon entführt, erweisen sich die anderen als solidarisch. Kinder können mit ihren Pokémons im Gefolge gegen die herzlose Erwachsenenwelt antreten.

Sie bekämpfen Unrecht und ermöglichen Identifizierung mit den Helden, die endlich dem Guten zum Sieg verhelfen. "Ich will der größte Meister sein!", "Wir werden die Nummer eins!", "Du schaffst das schon!" sind einige der Slogans, die in den Liedern mantraartig wiederholt werden. Und vor allem: "Du trägst ein Geheimnis tief in dir." Anders als das Rumpelstilzchen nennen die Pokémons ihre Namen, und damit werden sie lenkbar, vertraut. "Was für ein Pokémon bist du? Du kannst so viele Dinge tun." Sichlor und Evoli, Quaputzi und vor allem Pikachu stellen sich vor, mit rauchiger Donnerstimme und niedlichem Flötensäuseln, jedes Pokémon in eigenem Tonfall, das seinen Charakter angibt. Das ist gut zu merken. Relaxo grunzt in seinen dicken Bauch hinein, er hat Riesenhunger. Der drachenartige Sichlor jagt den anderen Pokémons schon beim Hallo-Sagen Schrecken ein, und so wird er nicht viele Freunde finden, es sei denn, man kennt und meistert seine Kräfte. Immerhin ist seine Waffe die Schädelwumme. Bisasam hat Rankenarme, die uralte Spinnenphobien wachrufen. Ein anderes Pokémon speit Wasser, wieder eines Feuer. Fascinosum et tremendum - die Religionsgeschichte mit ihren Monstern und Geistern, Feen und Gnomen lässt grüßen. Pikachu, der gelbe Bunny-artige Knirps mit seinem Schlappohr und der liebevollen Kleinkindstimme, der als Waffe immerhin über einen Donnerblitz gebietet, sitzt den Kindern auf der Schulter wie ein Schutzengel. Er ist, einer Internet-Umfrage zufolge, am beliebtesten.

Wie zahllose Naturgeister in der Welt der Religionen sind die Pokémons wandlungsfähig. Zunächst in Kugeln verpuppt, offenbaren sie ihre wirkliche Gestalt, wenn sie gebraucht und gerufen werden. Die Mächte des Bösen liegen schließlich überall auf der Lauer. Team Rocket, die Bösen, haben einen bezeichnenden Leitspruch: "Wir wollen über die Erde regieren, / und unsern eigenen Staat kreieren. / Liebe und Wahrheit verurteilen wir. / Mehr und mehr Macht, das wollen wir." Machtzuwachs gegen solche Bösewichter gewinnt, wer mehr Pokémons besitzt. Die Bösen stellen Superfallen auf und entführen die Pokémons. Dauernder Erfolg ist den Bösewichtern allerdings nicht beschieden, denn sie kennen keine Liebe und keine Gemeinschaft. Im Internet schreiben die Pokémon-Fans die Geschichte von der Errettung der Welt vor dem Bösen weiter: Ash, Misty, Togepy, Tracy und natürlich Pikachu sind auf dem Weg zur Crusoe-Insel. Die böse Team-Rocket-Bande kommt aus dem Dickicht des Waldes und grölt ihr Lied vom eigenen Unrechtsstaat. Sie haben natürlich keine Chance gegen unsere Helden: "Jessy, James, Team Rocket so schnell wie das Licht, gebt lieber auf, und bekämpft uns nicht!" Aber es kommt auch zu Zwischenfällen in der Internet-Gemeinde. Eine Nachricht vom 1. November 2000 klagt, dass sich das ehemalige Mitglied das Fanclubs Kazumo vor einem Jahr das Leben nahm. Darum bleibt die Homepage für einen Tag aus Pietät offline.