Noch rätselt die Öffentlichkeit darüber, was eine Regierungsbeteiligung der PDS für die Stadt bedeuten wird. Merkwürdigerweise gerät dabei nie das Verhältnis der Berliner PDS zu ihrer Stadt ins Blickfeld. Obgleich ebendies ein politisches Terrain ist, auf dem es reicht, einfach hinzusehen, um die PDS zu verstehen. Für Berlin ist die Stadtplanung gewiss eines der wichtigsten Politikfelder. Es geht schließlich um das Teilungsschicksal, um das historische Selbstverständnis und um die künftige Identität der Stadt.

Was immer man ansonsten von der PDS halten mag: Der Stadtplanungsstreit der vergangenen Jahre offenbart, wie tief die Partei noch im Ghetto des alten Ost-Berlin steckt.

Die Metropole Berlin ist in einer Hinsicht einzigartig: Das Zentrum ist eine Brache, eine diffuse Abfolge von Großräumen, in denen die DDR ihre Hauptstadt inszenierte. Die Mitte ist nicht nur entvölkert, sie böte Lebensraum. 160 000 Menschen Menschen lebten dort vor dem Krieg. Das Zentrum steht auch dysfunktional zum Rest der Stadt. Es zieht nicht die Stadtbewohner an und verbindet nicht die Bezirke, sondern es trennt sie. Zugleich ist es auch das historische Zentrum, ein Ort der Stadtgeschichte und der Berliner Identität, aber auch ein Ort der Geschichtsliquidation, des Identitätsverlustes.

Vereinigung Berlins konnte nie heißen: Homogenisierung der beiden Stadthälften. Vielmehr bot sich das Zentrum als dritter Ort an, an dem die Stadt zueinander finden konnte. Die historische Aufgabe war klar: Rekonstruktion der geschichtlichen Zusammenhänge im Zentrum und Wiederherstellung des gesamten Stadtorganismus.

Aber bekanntlich gehörten die Mitte und der Bezirk vor dem Fall der Mauer zu Ost-Berlin. Die PDS betrachtete mithin das Zentrum als ihr Reservat - mit dem heiligen Bezirk zwischen Alexanderplatz und Palast der Republik. Den Anspruch des vereinten Berlin wertete sie als westlichen Übergriff. Der Streit explodierte, als die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung unter Federführung von Hans Stimmann das "Planwerk Innenstadt" vorlegte. Dieses stadtplanerische Konzept war im Grunde ein historischer Kompromiss: Er versprach den Verzicht auf Abriss der DDR-Bebauung. Auf die großen, nicht integrierbaren Leerflächen sollten wieder das alte Straßenmuster gelegt und damit die historischen Räume zurückgewonnen werden. Für die PDS war das eine Kriegserklärung, ein Plan zur Liquidierung der DDR-Hauptstadt und der Vertreibung ihrer Bewohner. Sie mobilisierte Komitees, Betroffenengruppen, Hausversammlungen - und vor allem die Planungselite der ehemaligen DDR-Bauakademie. Die PDS-nahe Baustadträtin Baumert im Bezirk Mitte verlegte sich auf eine systematische Obstruktionspolitik. In den vielen öffentlichen Foren schien es, als sei die DDR noch einmal zum letzten Gefecht angetreten.

Der Streit um das Planwerk bekam dabei auch eine fragwürdige sozialideologische Komponente, insbesondere bei der Debatte um die so genannte Fischerinsel. Sie gehört zu den ältesten Orten der Stadt, zum mittelalterlichen Cölln. In den späten sechziger Jahren riss die DDR die hauptsächlich barocke Bebauung ab, löschte die historische Identität praktisch aus. Stattdessen wurden sechs Plattenbauten hochgezogen. Das Planwerk schlug vor, zwischen den Hochhäusern die alte Straßenführung wiederherzustellen und kleinteilige Stadthäuser einzufügen. Es war als ein Projekt für mittelständische Bauherren gedacht. Aber gerade diese Vorstellung einer Reurbanisierung löste besonders heftige Abwehrschlachten aus. Vor allem der amtierende Baustadtrat Thomas Flierl, der gegenwärtig auch als Kandidat für einen Senatorenposten gehandelt wird, tat sich hervor. Sein Argument: Die Bewohner würden durch den Blick auf die Häuser der Besserverdienenden provoziert. Dem Hotel Adlon genehmigte seine Verwaltung bis heute keinen Baldachin, weil er eben nur jener unbeliebten Bevölkerungsgruppe diene.

Das Planwerk Innenstadt hat all die Streitigkeiten überlebt, musste aber viele fragwürdige Korrekturen hinnehmen. Dennoch hat sich die Grundhaltung der PDS in Sachen Stadtplanung nicht geändert. Sie verteidigt weiter das DDR-Erbe ohne Rücksicht auf gesamtstädtische Belange, gepaart mit einer guten Portion neidischen und kleinbürgerlichen Egalitarismus.