Viele wollten es und wurden's nie. Hans Eichel zum Beispiel oder George Lucas, Schimon Peres, Jupp Derwall und Helmut Schmidt, sie alle träumten davon, Architekt zu werden. Sie wollten Häuser bauen und Städte, wollten Welten verändern und etwas Bleibendes errichten.

Bis heute hat dieser Traum nichts von seiner Macht verloren. Fast 50 000 Studenten sind für die Architektur eingeschrieben, und jedes Semester drängen neue nach. Die trüben Berufsaussichten scheinen sie nicht zu bekümmern, dabei arbeiten in Deutschland schon heute mehr Architekten als in jedem anderen Land Europas, und lukrative Aufträge werden immer seltener. Die Konkurrenz durch Generalübernehmer, die großen Fix-und-fertig-Firmen, hat gewaltig zugenommen, die Baukonjunktur schleppt sich dahin, und so sitzen viele der 110 000 deutschen Architekten tief unten im Krisenkeller. Längst verschüttet sind die Träume.

Doch viel dramatischer noch als die materielle Misere ist die Verunsicherung über das eigene Wollen und Wirken. Geredet wird zwar viel über Qualität und über Baukultur, doch was das eigentlich heißt, was das Gute an guter Architektur tatsächlich ist, darüber wird selten offen diskutiert. Lediglich im rein Praktischen ist man sich einig: Der Grundriss muss gut geschnitten sein, durchs Dach darf es nicht tropfen, und auch die Umwelt will man schonen. Doch wie ist es mit der Ästhetik, haben Stil und Form noch eine Bedeutung? Wie wichtig ist Schönheit? Darf Architektur narrativ und bilderreich sein? Oder ist Minimalismus besser? Und was bedeutet: zeitgenössisch bauen?

Immer noch sind die meisten Architekten davon überzeugt, dass Innovation besser sei als Tradition, Glas zeitgemäßer als Stein, ein Flachdach progressiver als ein Satteldach, eine Panoramascheibe zukunftsweisender als ein Sprossenfenster. Doch warum? Was legitimiert diese Dogmen?

Wer genauer nachfragt, wird rasch feststellen: Der Wertekonsens steht nur auf schwachem Fundament. Viele Architekten lassen sich von Geschmacksurteilen leiten, statt die eigenen ästhetischen Leitideen auf Argumente zu gründen.

Und folglich geraten sie schnell aus der Fassung, wenn plötzlich Ketzer auf den Plan treten und den Normenkatalog infrage stellen. Jede Abweichung wird höhnisch verlacht oder geflissentlich ignoriert.

Lange allerdings wird sich diese Ausgrenzungsstrategie, die weite Teile der Architektenschaft betreiben, nicht mehr durchhalten lassen. Die Abweichler sind zu erfolgreich, als dass man sie noch als Spinner abtun könnte. Nach einer Phase, in der sich die Architektur wieder auf regionale Traditionen besann, ist am Beginn des 21. Jahrhunderts ein unverhohlener Historismus gesellschaftsfähig geworden. Die Zeit des freien Formenspiels, einer ironisierenden Postmoderne ist vorbei.