Merkwürdig: Warum heißt eine Bohne Erbse? Türkische Erbse, genauer gesagt. Ein Grund könnte sein, dass Gartenbohnen ursprünglich aus Westindien stammten, aus der Fremde - und was fremd war, das nannte man früher entweder welsch oder türkisch. So spekuliert Stephan Kaiser vom Hamburger Freilichtmuseum am Kiekeberg, der in Archiven nach den kulturhistorischen Wurzeln des alten Gemüses gegraben hat. Klein, weiß und nicht wie andere Bohnen länglich, sondern rund (daher Erbse), wächst die Türkische Erbse heute fast nur noch als Ausstellungsstück

eine Rettungsaktion im Museumsgarten. Denn während im Jahre 1797 die Patriotische Gesellschaft zu Hamburg den Bauern der Umgebung noch dringend nahe legte, sich um ihrer Gesundheit willen des Anbaus von Gemüse im Allgemeinen und der weißen Erbsbohnen im Besonderen zu befleißigen, sind die süßlichen, festen Leckerbissen heute vom Aussterben bedroht.

Für die Erhaltung solch alter Kulturpflanzen oder Nutztiere kann man sich ganz zweckfrei einsetzen - einfach, damit sie da sind, aus Begeisterung für ihre jeweils einzigartige Gestalt. Man kann, nein: muss die Varietäten auch deshalb weiter anbauen, um Genressourcen immer wieder neu zu beleben

ein UN-Übereinkommen über die biologische Vielfalt verpflichtet die Unterzeichnerstaaten dazu. Denn jede Pflanze, jedes Tier hat unverwechselbare Eigenschaften, deren möglicher Nutzen - etwa die Resistenz gegen ein Virus - vielleicht noch gar nicht abzuschätzen ist. Und dann gibt es ein drittes Motiv, rosa Wildpfirsiche oder Hinterwälder Kühe zu pflegen: weil sie so lecker sind. Da der Mensch zum Hedonismus neigt, lässt dieser Antrieb besonders hoffen. Wenn sich also die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Nutztierrassen dafür einsetzt, dass auf Arche-Höfen wieder die fast vergessene Cröllwitzer Pute gezüchtet wird, hat sie dabei vorrangig die besondere regionale Anpassung dieses Tieres im Sinn. Den Artenschützern der Organisation Slow Food aber, die sich der Wiederbelebung regionaler Esskulturen verschrieben haben, liefe bei der gleichen Aktion erst mal das Wasser im Munde zusammen: Mmmh, festes Keulenmuskelfleisch! Dergleichen kulinarische Begierden stecken auch hinter ihrem Engagement für die Türkische Erbse: Kein Exemplar von Phaseolus vulgaris schmecke bohniger, mit keinem gelänge, sagt Stephan Kaiser, das norddeutsche Traditionsgericht Birnen, Bohnen und Speck vergleichbar köstlich.

Arche des Geschmacks nennen die Genießer der Langsamkeit ihr neues Projekt, das sich bei den Slow-Food-Gründervätern in Italien schon bewährt hat. Ein ehrenamtlicher Beirat wählt die Passagiere aus, die es zu bewahren gilt, nach strengen Kriterien: Seltenheitswert müssen die Tiere, Pflanzen und Speisen haben und einen charakteristischen Geschmack

sie müssen - Agrarkultur - für bestimmte Regionen identitätsbildend sein und bereichernd für deren ökologische Qualität. Dann macht Slow Food Werbung bei den Landwirten und organisiert Abnehmer auf Märkten, in Geschäften und Restaurants.

Zu den ersten Sorten an Bord der Arche gehört mit der Erbsbohne der Angeliter Tannenzapfen. Schrumpelig sieht der zwar aus, ist aber quintessenziell als Bratkartoffel - weshalb, berichtet Stephan Kaiser, Widerstandsnester genussfähiger Bauern die Knolle immer wieder retteten: vor den Anweisungen der Landwirtschaftskammer während des Ersten Weltkriegs, als Qualität gegenüber der Quantität zurücktreten und Feinschmeckergelüste auf bessere Zeiten aufgeschoben werden mussten