Es wurde viel gebaut im Osten. Die Kräne standen über Berlin und Bautzen, über Dresden und Cottbus. Wohnanlagen und Bürotürme wuchsen in Leipzig und Frankfurt (Oder), neue Straßen und Brücken erschlossen die Provinz, Rathäuser und Hospitäler wurden renoviert. Gewerbegebiete schossen aus dem Boden. Auf dem Höhepunkt des Booms, kaum fünf Jahre ist das her, arbeitete in den neuen Bundesländern fast jeder fünfte Beschäftigte auf dem Bau. Über eine Million Menschen verdienten ihr Brot mit Beton und Mörtel.

Heute wird kaum noch gebaut im Osten. Nur selten unterbrechen Baustellen die Fahrt durch die Provinz. Innenstädte sind saniert, Kläranlagen vorhanden, Industriegebiete erschlossen. Die Statistik kündet von Tristesse: Mehr als jeder dritte Bauarbeiter in den neuen Bundesländern ist arbeitslos. Die Löhne verfallen, Maschinenparks bleiben ungenutzt, die Pleiten häufen sich. Vom Boom am Bau redet niemand mehr.

Dafür von den Milliarden, die nötig wären, um die Konjunktur wieder anzuschieben. Seit der Bau lahmt, wachsen im Osten die Begehrlichkeiten. Von einer noch immer riesigen Infrastrukturlücke ist die Rede, davon, dass der Solidarpakt II aufgestockt werden sollte. Auch Gerhard Schröder wird das hören, wenn er im August entlang der polnischen und tschechischen Grenze auf Reisen geht. Mehr noch als im Westen, wird der Kanzler vernehmen, ist im Osten der einstige Konjunkturmotor Bau zum Bremsklotz für den Rest der Wirtschaft geworden.

Zusammen mit dem Staatssektor macht die Branche ein Drittel der gesamten Wirtschaftsproduktion in den östlichen Bundesländern aus. Ihr Absturz bringt einen Wachstumsverlust von zwei Prozentpunkten, schätzt das Institut für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH). Zarte Fortschritte in anderen Bereichen der ostdeutschen Wirtschaft, etwa im Dienstleistungssektor, werden von diesem Crash völlig überdeckt. Schlimmer noch: Wer in der Branche seinen Job verliert, hat wenig Chancen auf einen neuen Arbeitsplatz. Steigende Arbeitslosigkeit ist die Folge. Vom "Aufholen" des Ostens kann keine Rede mehr sein.

Dazu kommt die Psychologie. Nach der Wende stand der Bau für den Wandel. Was er nach oben zog, verbesserte und verschönerte, wurde zum sichtbar, greifbar, spürbar gewordenen Fortschritt. Heute gilt die Branche als Symbol der Stagnation, ihre Lage als Menetekel dafür, dass der Osten erneut zurückfällt: "Es wird kaum investiert, die Stimmung sackt", gibt der Bauunternehmer Eberhard Bargenda die verbreitete Stimmung wieder.

Bargenda ist einer von denen, die während der vergangenen zehn Jahre hoch stiegen und tief fielen. 165 Mann beschäftigte er zu seiner besten Zeit in seinem Betrieb in Müllrose, einer Kleinstadt nahe Frankfurt (Oder). 2500 Wohnungen wurden von seiner Firma hingestellt. "Bargenda Bau war der Vorzeigebetrieb der Gegend", sagt der 51-Jährige. Jetzt steht sein Bauhof am Gewerbering 13 bis auf ein paar Bauwagen und ein bisschen Rüstzeug leer. Die Schlosserei ist verschlossen, die Tischlerei untervermietet. Das Aus kam, als ein Auftraggeber nicht zahlte und 3,5 Millionen Mark in den Büchern fehlten.

Der Weg zum Konkursrichter, "der schwerste Gang in meinem Leben", war für Bargenda nicht mehr aufzuhalten.