Der eine trägt jetzt einen Tausendtagebart im späten Trapperstil. Der andere wirkt wie ein Englischlehrer, der sich in den Saloon verlaufen hat.

Kaum zu fassen, dass diese komischen Cowboys einmal Helden der Popkultur gewesen sein sollen. So berichten aber nicht nur die Annalen, so erzählen es die McAloon-Brüder selbst.

Wieder haben die beiden sich einige Jahre abseits des großen Trecks gehalten, um just dann ein neues Album herauszubringen, als keiner mehr mit ihrer Band Prefab Sprout rechnen konnte. The Gunman and other Stories heißt es, und gleich im Eröffnungsstück singt Paddy McAloon, der Songschmied, Arrangeur und unumstrittene Anführer bei der Sache, man möge den armen Helden in guter Erinnerung behalten, nachdem er noch einmal getan hat, was Cowboys zu tun pflegten, als sie noch mehr Ritter als Reiter waren: den weißen Hut tragen, die Szene gehörig aufmischen, Scharfrichter und Sheriff zugleich sein, weil keiner schneller an der Waffe ist.

Cowboy Dreams, eine Midtempo-Romanze, ist der Trailer für zehn Songs, die sich locker um Szenen aus der Wildwestmythologie ranken. Der Spieler, der Revolverheld, der Mann aus Laredo - das gesamte Personal ist vertreten, das auch unzählige Country-Lieder bevölkert, und wirkt doch so völlig anders in der Erzählweise von Prefab Sprout. Statt handgemachtem, "authentischem" Liedgut klingen fragile Kunstklischees herauf. Love's a silver bullet, / that blows your world apart, / I wanna have it written on my tombstone, / here lies the boy who stole your heart: Im einsamen Reiter hat Paddy McAloon ein Bildnis für sich, den Außenseiter im Popgewerbe gefunden, aber auch einen hochpoetischen Gegenstand. Er leuchtet voran, gerade weil er im richtigen Leben nicht mehr vorkommt.

Der Weg dorthin war weit, aber nicht ganz so weit, wie es scheint: Wer für Plattenhüllenfotos auf dem Motorrad sitzt wie auf dem Rücken eines Mustangs, Vorlieben für Steve McQueen und Jesse James kultiviert, wer Elvis, den Jungen vom Lande vergöttert und verschollene Country-Sänger bedichtet, findet auch irgendwann zur Pferdeoper. Prefab Sprout, erst ein Trio, dann ein Quartett, jetzt offenbar auf den harten Kern mit Bruder Martin am Bass geschrumpft, waren seit ihrer Gründung in Newcastle, hoch oben in Englands verregnetem Norden, mit der Frage beschäftigt, wie Erinnerungen Lieder werden können und wie man diese so verfertigt, dass sie verbindlich wirken: Sekunden wahrer Empfindung im Dreiminutenformat - eine alte, aber schwindende Kunst.

Eine scheue obendrein. In den Achtzigern, als die ersten Videos die Kanäle fluteten, hielten die McAloons der Idee vom "perfekten Popsong" die Treue, der, obwohl die Eroberung der Hitparaden damals nicht ausgeschlossen wurde, von schüchternem Grundcharakter ist und das Rampenlicht flieht. Weshalb die Band, als die Zeiten schlechter wurden für derlei Empfindsamkeiten, die Szene zu meiden begann, sich in den Techno-Neunzigern schließlich ganz in eine Art Schmuckeremitendasein zurückzog und bloß gegen Ende noch Andromeda Heights herausbrachte, einen Monumentalschinken von Album voller schwelgerischer Melodien, den auch die Jüngeren als Meisterwerk feierten, weil er unvermutet vom Himmel gefallen zu sein schien. Mitten in der Datenwelt lag er da wie ein noch heißer Asteroid und verstrahlte auf antiglamouröse Weise Glamour. Heute sind es immer noch die frei gewählten Bezugspunkte und Vorbilder, die Spannungsbögen über alle Brüche hinweg, die den Feinsinn von Prefab Sprout so anziehend machen für spät- wie postmoderne Connaisseure. Paddy McAloon, im Übrigen ein großer Joyce-Verehrer, komponiert freihändig in allen erreichbaren Idiomen. Phil Spectors Wall of Sound versteht er ebenso virtuos herbeizuzitieren wie Gershwin-Sentiment, Folkanklänge oder Musicalmomente.

Doch wie die meisten, die viel gelesen und gehört haben in ihrem Leben, den Bilder- und Bildungsballast aus einem halben Jahrhundert Popgeschichte mit sich herumschleppen, plagt ihn der Wunsch nach dem großen epischen Wurf, der Superballade, die alles Vereinzelte und aus der Zeit Gefallene zusammenführt, sodass am Ende auch der Mann von der Straße die Botschaft versteht.